Klassik

Schiller & Goethe: Die Epoche der Anikenrezeption

Vorbedingungen: Sturm und Drang

Die deutsche Literatur war bis zum Ende des 18. Jahrhunderts hauptsächlich von den Gedanken der Aufklärung und damit von der Vernunft bestimmt. Als großes Vorbild der besonders von jungen Autoren getragenen Sturm-und-Drang-Bewegung galt Shakespeare und damit eine Hinwendung zum Natürlichen und zum Gefühl. Im Mittelpunkt dieses Gefühlsdenkens stand das Ich und seine Interessen (Kafitz 1989:78ff.).

Klassik, was ist das?

Im Allgemeinen versteht man unter Klassik das Schönheitsideal des antiken Griechenlands, das als überzeitlich gültig angesehen wird. Man unterscheidet hinsichtlich der Literatur einen enger und einen weiter gefassten Klassikbegriff. Im engeren Sinne meint man damit die Werke von Goethe und Schiller, die zwischen Goethes Italienreise 1786 und Schillers Tod 1806 entstanden sind. Weiter gefasst meint der Begriff die Epoche des Viergestirns Goethe, Schiller, Wieland und Herder. In Bezug auf Literatur wird auch der Terminus Weimarer Klassik verwendet. Die Werke des schwer eingrenzbaren Epochenbegriffs zeichnen sich durch eine strenge Form und inhaltlich durch Humanität und Bildung aus.

Während im Rahmen der Aufklärung eine Literatur gefordert wurde, die den Verstand des Menschen anspricht und sich durch klare Formen auszeichnet, begann sich im Sturm und Drang eine aufklärungskritische Literatur zu entwickeln, die mehr emotio statt ratio forderte. Die Stürmer und Dränger, die sich später zu Klassikern entwickeln (Goethe und Schiller) halten in beiden Epochen die überlieferten Traditionen und die Gesetze der Vernunft nicht für geeignet um sich als Individuum in der Wirklichkeit zurechtzufinden, geht es ersteren um Impulsivität und Loslösung von der Form und letzteren um den Humanitätsgedanken und die Einhaltung einer klassischen Form. In der Weimarer Klassik wird versucht den Individualitätsgedanken der Aufklärung mit „allgemeinen sittlichen und sozialen Forderungen in Einklang zu bringen“ (Kanitz 1989:107). Es geht also vereinfacht gesprochen um das Wollen und das Sollen, das sich im Idealfall(!) verbinden lässt:

Im Verständnis der Klassiker hat der Mensch vorrangig die Sittengesetze zu respektieren, persönliche Freiheit findet ihre Grenze an übergeordneten Normen, die für ein kultiviertes Zusammenleben Bedingung sind. Individuellem Willen steht als allgemeines Gesetz ein Sollen gegenüber, zwischen beiden kann es im Idealfall zum Ausgleich kommen. Kafitz (1989:110)

Dass es sich dabei nur um ein Ideal handelt, dass in seiner Gänze nicht erreicht werden kann, betont auch Schiller im Konzept seiner schönen Seele. Eine schöne Seele stellt dabei einen Menschen dar, der eine Harmonie zwischen seinen Affekten und den sittlichen Anforderungen an ihn hergestellt hat. Eben dieser Idealfall, diese „reifste Frucht seiner Humanität, ist bloß eine Idee, welcher gemäß zu werden, er mit anhaltender Wachsamkeit streben, aber die er bey aller Anstrengung nie ganz erreichen kann“ (Schiller 1793 [1997:470]).

Der Begriff leitet sich vom Lateinischen classicus ab, was soviel heißt wie ‘zum ersten Rang gehörig’.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Weitere historische Vorbedingungen

Die Philosophie des 17. und 18. Jahrhunderts beginnt sich von der Vorstellung, dass der Mensch von mythischen Mächten regiert werde zu entfernen. Da die sozialen Herrschaftsysteme dieser Zeit sich jedoch mit Gott legitimieren, sprich vorzugeben gottgewollt zu sein, bröckelt deren Grundlage und gerät schließlich in der Französischen Revolution ins Schwanken. Diese als Aufklärung bezeichnete Denkschule, bei der davon ausgegangen wird, dass eine friedliche Zukunft nur durch die Befreiung des Verstandes möglich ist, macht sich das Licht zum Symbol, weswegen im angelsächsischen Sprachgebrauch auch vom age of enlightement und im französischen vom siècle des lumières die Rede ist. Berühmt wurde Immanuel Kants Definition der Aufklärung in seiner Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung von 1784. Darin unterscheidet er eine unverschuldete Unmündigkeit des Menschen durch auferzwungene Machtstrukturen und eine selbstverschuldete, verwerfliche Unmündigkeit, die zwar erkannt, jedoch aufgrund von Faulheit oder Feigheit nicht überwunden wird. Bekanntheit erlange der folgende Auszug:

Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Sapere aude! Habe Mut dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! ist also der Wahlspuch der Auflkärung.

Da am Ende des 18. Jahrhunderts die Philosophie und das rationale Denken eine Vormachtsstellung eingenommen hat und sich die Naturwissenschaften auf Erfolgskurs befinden, macht sich in den Menschen eine zunehmende Verunsicherung breit, die aus der Ablösung der traditionellen, bisherigen Vorstellungen und den damit Verbundenen Hierarchien und gesellschaftlichen Regelungen resultiert. Der Beginn der Terreur im Zuge der Französischen Revolution machte deutlich, dass die Welt und im Besonderen die Geschichte nicht nach rationalen Modellen funktioniert, was zu weiterer Verunsicherung führte. Diese Beobachtung,

dass jedes einzelne Subjekt angesichts der Unwägbarkeiten des Daseins in zunehmenden Maße als sinnstiftende und handelnde Instanz herausgefordert wird, etabliert sich über die Kritik an einer abstrakten Verstandeslogik der Diskurs der Moderne. [...] Im Wilhelm Meister drückt Goethe das Gemeinte mit den Worten aus: „die Summe unserer Existenz“ allein „durch Vernunft dividiert“, gehe ‘niemals rein’ auf: wir können daher „nicht immer das Tadelnswerte Vermeiden“ (Greif 2008:21).

Diese Überlegungen führen dazu, dass die Figuren der klassischen Literatur vermehrt dazu neigen sich an Idealen und Moralvorschriften zu orientieren, an diesen jedoch scheitern.

Ab den 1760er Jahren beginnt Herzogin Anna Amalia wichtige Gelehrte und Künstler nach Weimar zu holen und sie finanziell abzusichern, in dem sie ihnen Posten verschafft. Darunter sind Wieland und Goethe, später kommt Herder dazu und 1789 bekommt schließlich Schiller eine Professur für Geschichte im nahegelegenen Jena. Zwischen Schiller und Goethe entwickelt sich eine zehnjährige fruchtbare Freundschaft, die heute als Kernbereich der Weimarer Klassik angesehen wird. Auf die Tischgesellschaften, die die Herzogin abhält lässt sich später die um 1800 aufblühende literatische Salonkultur zurückführen.

Die Antikenrezeption

Bereits ab dem 17. Jahrhundert wird in Frankreich im sogenannten Querelle des anciens et des modernes, also im Streit zwischen den Antiken und den Modernen darüber diskutiert, ob und inwiefern die Antike ein Vorbild für die zeitgenössische Kunst sein könne. Bei diesem etwa 100 Jahre andauernden Ästhetikdiskurs ging es besonders um die Frage der Ausbildung einer nationalen Literatur, was die Übertragung des Streits auf Deutschland besonders schwierig gestaltete, da Deutschland noch aus zahlreichen einzelnen, voneinander getrennten Nationalstaaten bestand. Die sich im 18. Jahrhundert etablierende Ästhetik, die zur Philosophie gehörig gesehen werden kann, versucht nicht nur danach zu fragen, was schön ist, sondern auch warum etwas als schön empfunden wird. Daher ist die Frage nach Antike oder Moderne die Frage, ob die antiken Vorbilder als ewig schön gelten können, oder ob sich Geschmackvorlieben auch im Laufe der Zeit verändern können. Aus dieser Frage ergaben sich zwei widerstreitende Ansichten:

Für die Vertreter antiker Kunst endete die Hochphase der Kunstgeschichte mit der Wiederentdeckung des Klassischen in der Renaissance. Gemäß diesem degenerativen Verständnis der Kunstgeschichte genügen Artefakte späterer Epochen nicht mehr den Ansprüchen idealer Schönheit. Für die ‚Modernen‘ kann dementsprechend nur das immer wieder Originäre, das sich zu allen Zeiten und in unterschiedlichen Kulturen durchsetzt, als schön bezeichnet werden. Greif (2008:73)

Eine Zwischenposition nehmen dabei die Klassiker ein, sie sehen zwar in der antiken Kunst ein Vorbild, verkennen aber nicht, dass der Fortschritt die Geschmacksvorlieben verändert.

Das Ideal der Humanität. Goethes Iphigenie auf Tauris: Interpretation

Goethes 1786 entstandenes Bühnenstück Iphigenie auf Tauris, das „Paradedrama, an dem Humanität und hoher Stil traditionell herausgearbeitet wurden“ (Greif 2008:116) vermittelt ein Menschenbild, bei dem es nicht mehr darum geht, dass das Individuum einem nicht erklärbaren Schicksal ausgeliefert ist, sondern es eigenverantwortlich gestaltet. Das Drama bildet den Übergangspunkt Goethes vom Stürmer und Dränger hin zum Klassizisten. Grundthematik des Stücks ist die „Verwandlung der mythischen Schuld in die psychologische Frage nach Schuld und Verantwortung“ (Geisenhanslüke 1997:45).

Dabei gibt es allerdings verschiedene Konflikte. Einerseits zwischen Thoas und Iphigenie, zwischen Iphigenies Wunsch nach Hause zurück zu kehren und dem Thoas gegenüber dankbar zu sein. Iphigenies Problem, dass sie gern reinen Herzens wäre, sprich ihre Interessen mit denen Thoas’ in Einklang bringen würde, spricht Pylades an, indem er sagt:

Dass keiner in sich selbst, noch mit den andern

Sich rein und verworren halten kann. (V. 1658f.)

Kanitz (1989:112) bringt Pylades’ Standpunkt etwas umständlich auf den Punkt:

In modernerem Vokabular ausgedrückt sagt Pylades, daß in der Pluralität und Partikularität einer arbeitsteilig strukturierten Wirklichkeit mit ihren Interessengegensätzen der einzelne notwendig in Konflikte mit sich selbst und mit anderen geraten muß.

In Wirklichkeit werden solche Konflikte so ausgetragen, dass dessen Freiheit mehr zählt, der der Stärkere ist und sich besser durchzusetzen vermag. Dass Iphigenie dennoch den Konflikt löst, stellt eine Idealisierung dar, so dass Goethe selbst in einem Brief an Schiller vom 19.01.1802 seine Iphigenie „verteufelt human“ nannte (zitiert nach Kanitz 1989:112). Dies gelingt allerdings nur unter der Voraussetzung, dass Thoas kein Barbar ist, der blindwütig seine Interessen durchsetzt, sondern dieser selbst human wird und schließlich nachgibt.[1] Er wird gleichsam zum Griechen stilisiert und ihm werden menschliche Züge verliehen (was der griechischen Vorlage von Euripides nicht entspricht). Dass es sich um eine Idealisierung handelt, zeigt auch ein Brief von Goethe an Charlotte von Stein, in dem er den Widerspruch zwischen der von ihm erlebten sozialen Realität und dem Inhalt des Dramas thematisiert: „Hier will das Drama gar nicht fort, es ist verflucht, der König von Tauris soll reden, als wenn kein Strumpfwürker in Apolda hungerte“ (zitiert nach Geisenhanslüke 1997:23).

Es geht in Iphigenie auf Tauris also darum, dass der Mensch nicht Sklave seines Schicksals ist, sonder frei in seinen Willensentscheidungen. Greif (2008:120) führt aus:

Goethes Dramen unterstellen den Menschen nicht mehr einem jenseitigen Schicksal, sondern zeigen ihn als Subjekt, das in seinen Willensentscheidungen frei ist. Allerdings stehen die körperlichen und geistigen Möglichkeiten des Einzelnen oft im Widerspruch zu seinen Wünschen. Diese Erfahrung persönlicher Selbstüberschätzung gehört für Goethe zum dramatischen Konfliktpotential der Moderne.

Zu dem Problem, dass die eigenen Interessen denen anderer oder denen der Gesellschaft gegenüberüberstehen, gesellt sich also ein weiteres. Nämlich das der Begrenztheit der eigenen Möglichkeiten. Diese daraus resultierenden seelischen Konflikte kommen im Drama durch die langen Monologe und den Verzicht auf langes Bühnengeschehen zum Ausdruck.

Iphigenies Abhängigkeit der Götter scheint zu Beginn des Stückes noch gegeben, aber schon nach kurzer Zeit (spätestens ab dem Zurückweisen von Thoas’ Heiratsantrag) erkennt sie, dass sie sich ihrem Schicksal, bzw. den Göttern nicht ergeben muss, sondern dass sie ihr Leben selbst in der Hand hat. Sie überwindet den Mythos und damit ihren inneren Konflikt.

Während in den antiken Vorlagen die mythische Schuld der Familie im Vordergrund der Betrachtungen stand, werden die Götter in Goethes Bearbeitung zu Repräsentaten des Psyche der Menschen. So tauchen die Erinnyen, die Orest verfolgen nicht mehr im Stück selbst als Figuren auf, sondern repräsentieren nur Orests Inneres. Sie stellen daher keine von außen auferlegte Strafe mehr dar, sondern verkörpern sein Gewissen, das ihn aufgrund des begangenen Muttermordes plagt. Daher löst sich das Drama auch ohne ein Eingreifen der Götter, ohne deus ex machina. Auch die Missdeutung des Orakelspruchs passt in dieses Bild. Gemeint war nicht ein Bildnis einer Göttin, sondern ein Mensch, nämlich Iphigenie.

An das griechische Vorbild eher erinnert die Formstrenge. So sticht nicht nur die symmetrische Figurenkonstellation ins Auge, sondern auch die Einteilung des Dramas nach klassischem Schema in fünf Akte sowie die Einhaltung der Einheit von Ort, Handlung und Zeit und der Blankvers in das Stück geschrieben wurde. Dennoch handelt es sich nur äußerlich um ein antikes Handlungsdrama, inhaltlich jedoch geht es – ganz modern – um die Menschen: „Dem Vorrang der Handung vor den Charakteren in der antiken Tragödie steht bei Goethe die psychologische Gestaltung der Figuren entgegen, die die dramatische Handlung zunehmend ins Innere der Protagonisten verlegt“ (Geisenhanslüke 1997:17). Interessant an Goethes Anknüpfung an die Antike ist allerdings, dass er ja eigentlich bis dato ein Stürmer und Dränger gewesen war:

Der heutige Leser vergisst dabei leicht, dass Goethes Rückkehr zu den Griechen die Zeitgenossen einigermaßen überraschen musste. Bekannt geworden war der Verfasser durch den Werher und den Goetz von Berlichingen, Jugendschriften im Geiste des Sturm und Drang, die zugleich Ausdruck einer Rebellion gegen die regelerstarrte Tradition waren. Nicht die Griechen waren Goethes Vorbild, sondern das wüste Genie Shakespeare, das sich um die berühmten Regeln, die Einheit von Handlung, Ort und Zeit nicht scherte. (Geisenhanslüke 1997:26)

Da aber die Konflikte im Drama ins Innere verlegt werden; den Göttern nur eine repräsentative Rolle eingeräumt wird und das Stück so nur oberflächlich an griechische Tragödien erinnert, kommt auch Schiller in einem Brief an Körner aus dem Jahr 1802 über Iphigenie zu dem Schluss:

Sie ist aber so erstaunlich modern und ungriechisch, daß man nicht begreift, wie es möglich war, sie jemals mit einem griechischen Stück zu vergleichen. Sie ist ganz nur sittlich; aber die sinnliche Kraft, das Leben, die Bewegung und alles, was ein Werk zu einem echten dramatischen spezifiziert, geht ihr ab. (Zitiert nach Lautenbach 2003:354)

Es geht bei Goethe um einen Humanitätsbegriff, der nicht überzeitlich gottgegeben, sondern menschengemacht ist und dem Geist der Aufklärung entstammt, der die Abhängigkeit der Menschen von höheren Mächten (seien sie auf Religion oder Politik bezogen):

Im Vergleich zum religiösen Gehalt der griechischen Tragödie erklärt sich die Klassizität der Iphigenie geraude aus der Emanzipation von Religion und Politik zugunsten eines Begriffes der menschlichen Selbstbestimmtheit, der in Übereinstimmung mit den Idealen der philosophischen Aufklärung steht. (Geisenhanslüke 1997:28)

Iphigenie begreift sich nicht als an ein fremdgesteuertes Schicksal gebundene Marionette, sondern als eigenständiges Individuum. Dies zeigt sich schon darin, dass sie Thoas’ Hochzeitsantrag nicht ablehnt, weil sie Priesterin der Göttin Diana ist, sondern sie beruft sich darauf dass sie aus Tantalus’ Geschlecht stammt. Sie erzählt im, dass Diana sie verschont und durch eine Hirschkuh ersetzte und diese versöhnt sei. Auf den ersten Blick erscheint dies jedoch verwirrend. Wenn die Göttin versönt ist, wieso ist dann noch nicht alles gut und das Drama endet? Wenn wir annehmen, dass Diana die sittlichen Normen und die Erwartungen der Gesellschaft repräsentiert, kann man das Rätsel lösen: Iphigenie ist am Zug, ihren Teil zu leisten, um eine Versöhnung zwischen den Göttern (den gesellschaftlichen Anforderungen) und sich selbst herzustellen. Dies erklärt auch, warum sie in Vers 494 auf Thaos Anmerkung, dass nicht die Götter zu ihr sprechen, sondern ihr eigenes Herz, entgegnet, dass die Götter durch das Herz sprächen. Das Herz „als Metapher der inneren Stimme des Menschen“ (Geisenhanslüke 1997:39)  ist unser Gewissen, dass sich aus sozialer Erfahrung mit der Gesellschaft heraus gebildet hat. Dieser Stimme des Herzens gilt es zu folgen.

Dieser Ansicht ist auch Pylades, der annimmt, dass der Wille der Götter und der Wille des Menschen im Grunde derselbe ist. Ganz im Gegensatz zu Orest, der seine auswegslose Situation hinnehmen will, da er glaubt, dass göttlicher und menschlicher Wille nicht zu vereinen wäre. Dennoch sind beide nicht grundverschieden, wie Geisenhanslüke (1997:42f.) ausführt:

Denn der Vorwurf, den Orest an Pylades richtet, dass dieser die Götter nach seinen eigenen Wünschen gestalte, lässt sich auch auf Orest beziehen: In der verzweifelten Situation, in der er sich befindet, wälzt er alle Schuld und Verantwortung auf die Götter, von denen er Erlösung erhofft.

Aber Pylades’ Irrtum ist ein tiefliegender und zwar versucht er eine Lösung des Konflikts in der Täuschung der Skythen zu finden. Es geht aber nicht darum den Konflikt einfach zu lösen, sondern um Wahrheit und darum einen Ausgleich der Interessen zu finden. Nur Iphigenie gelingt dies am Ende auf friedvolle Weise, ein Vorgang, der „ohne das Gedankengut der Aufklärung und insbesondere ohne die Philosophie Kants [...] undenkbar“ (Geisenhanslüke 1997:53)  wäre. Im Gegensatz zu Kants Vorstellungen, dem es um einzelne Handlungen geht, ist Iphigenie allerdings eine schöne Seele, sie handelt ihrem Charakter entsprechend richtig.

Am Ende des Dramas entwickeln die Figuren gemeinsam einen Wahrheitsbegriff, der sie sich loslösen lässt von der Familienschuld und der Vergangenheit. Allerdings scheint das Ende nicht sonderlich gelungen, denn es erscheint wenig einsichtig, dass Thoas so plötzlich seine Meinung ändert. Adorno (1981 [1967:508f.]) kritisert weiterhin, dass „der Skythenkönig, der real weit edler sich verhält als seine edlen Gäste, allein, verlassen, übrig ist.“

 

 

 

Die schöne Seele. Goethes Wilhelm Meisters Lehrjahre: Inhaltsangabe

Die Handlung beginnt mit der schönen Mariane, einer Schauspielerin, die ein Paket mit wertvollen Geschenken von ihrem Verehrer, dem Kaufmann Norberg erhalten soll. Ihre Betreuerin, die alte Barbara wartet schon auf sie, um es ihr zu überreichen. Bei Marianes Rückkehr interessiert diese sich allerdings nicht für das Geschenk, sondern ist Feuer und Flamme für Wilhelm Meister, der auch alsbald eintritt. Am nächsten Tag sagt Wilhelms Mutter ihm, dass sein Vater bestimmt habe, dass er in Zukunft nicht mehr ins für ihn in höchstem Maße unnütze Theater gehen dürfe, sondern etwas anständiges machen solle. Allerdings hält Wilhelm dagegen, dass nicht alles, was nicht auf Kommerz ausgelegt sei, von vornherein unnütz sei. Auch sein Vater habe das Haus verschönert, was Geld gekostet habe. Er bittet die Mutter ihm Zugang zu seinen Puppen zu gewähren, mit welchen seine Theaterleidenschaft als Kind entflammt sei. Von da an geht er nicht mehr ins Theater und arbeitet strebsam, um nachts aus dem Haus zu Mariane, der er eines Tages die Puppen zeigt. Beim Essen erzählt er ihr, was es mit diesen auf sich hat. Dass er sie vom Vater erhalten habe und dieser ihm am Tag, nachdem er sie geschenkt bekommen hatte, eine zweite Aufführung erst verweigert habe, ein junger Leutnant, ihn dann aber doch überredet habe. Der Vater glaube daran, dass Vergnügen nur dann Sinn habe, wenn es selten sei. Als Kind veranstaltete er dann Puppentheater für andere Kinder und stellte sogar eine kleine Schauspieltruppe zusammen. Als er Kaufmann werden soll und im Kontor des Nachbarn ausgebildet wird, steigert sich sein Interesse für die Künste nur noch mehr.

Wilhelm beschließt, das Elternhaus zu verlassen, um sich ganz dem Theaterleben zu verschreiben. Als er seinen Freund Walter trifft, will dieser ihn von diesem Vorhaben abhalten und hält ihm die Vorteile des Kaufmannslebens vor. Wilhelm erkennt auch an, dass Walter nicht ganz unrecht hat. Wilhelms und Walters Vater beschließen, dass Wilhelm eine Geschäftsreise antreten muss, was Wilhelm sehr entgegenkommt, wollte er doch selbst in die Welt ziehen. Als er Mariane davon erzählen will, weint diese nur bitterlich, da sie sich nicht zwischen Wilhelm, den sie liebt und Norberg, der sie aushalten kann, entscheiden kann. Wahrscheinlich bekommt sie ein Kind von Wilhelm.

Wilhelm geht zu einem Handelsfreund seines Vaters, dessen Tochter, wie sich herausstellt, mit einem Schauspieler namens Melina durchgebrannt ist. Als Wilhelm den Handelsfreund verlässt, trifft er eine Miliz, die die gefangene Tochter und Melina nach Hause bringen wollen. Er setzt sich für beide ein und erfährt von Melina, dass dieser jeden Job machen würde, egal wie die Bezahlung wäre, nur zum Theater wolle er nicht zurück. Unter der Bedingung, dass die beiden der Stadt den Rücken kehren, erlauben die Eltern dem Paar eine Heirat. Auf dem Heimweg trifft Wilhelm auf Werner, der ihm berichtet, dass seine Freundin Mariane ihm nicht treu sei, dem schenkt er allerdings keinen Glauben. Er trifft sich aber nicht mit ihr, sondern schreibt ihr lediglich einen Brief, in dem er sie dazu auffordert mit ihm die Stadt zu verlassen und an ein Theater zu gehen, denn er kenne den Theaterdirektor Serlo. Als er ihr den Brief bringt, sagt sie nur, dass er heute Nacht nicht zu ihr komme solle, er steckt zur Erinnerung ein Halstuch ein. Als er nach Hause geht, trifft er zunächst einen Unbekannten, der angibt, seinen Großvater gekannt zu haben und dessen Kunstsammlung mochte. Danach trifft er auf Musikanten, die er anweist, ein Lied für Mariane zu spielen. Vor ihrem Fenster angekommen hat er den Eindruck, dass sie die Tür öffne und einen Mann hinauslasse. Zu Hause zieht er Marianes Halstuch hervor, aus dem der Liebesbrief eines anderen fällt.

Es folgt eine schwierige Zeit für Wilhelm. Schließlich zweifelt er sogar an seiner Dichtkunst und will nicht nur alles, was ihn an Mariane, sondern auch alle seine Gedichte verbrennen. Er stürzt sich in die Arbeit und sein Vater schickt ihn abermals auf Geschäftsreise. Eines Tages gelangt er in ein Dorf, wo er einen Geschäftspartner des Vater aufsuchen soll. Die Arbeiter des Partners führen ein Theaterstück auf und Wilhelm beschließt für ein paar Tage im Dorf zu bleiben und quartiert sich in ein Wirtshaus ein, in dem auch viele Gaukler und Artisten ihre Unterkunft gefunden haben. Auf dem Markt lernt er die Schauspieler Laertes und Philine kennen, die aus einer zerschlagenen Schauspieltruppe stammen, mit denen er in einer Mühle isst und sich mit ihnen unterhält. Zurück in der Stadt schauen sie von Philines Fenster aus den Seiltänzern zu und Wilhelm fällt ein Kind auf, das er schon auf dem Markt gesehen hatte. Es handelt sich um Mignon, ein Mädchen über dessen Alter und Herkunft nichts bekannt ist. Nach einen Ausflug in den Wald kauft er das Mädchen einem Seiltänzer ab, der sie misshandelt, erfährt aber nichts genaues über sie. Herr und Frau Melina treffen überraschenderweise ein und suchen die Theatertruppe, die allerdings nicht mehr besteht. Madame Melina will Requisiten und Kostüme zur Gründung einer neuen Truppe kaufen und bittet Wilhelm hierfür um Geld. Tags darauf treffen noch mehr Schauspieler ein, darunter ein alter Mann, mit dem sich Wilhelm über Mariane unterhält. Der Alte spricht äußerst schlecht von ihr, was Wilhelm sehr betrübt. Weiter berichtet er, dass Mariane entlassen wurde und verschwunden sei. Danach tanzt Mignon für Wilhelm den Einertanz. Auf einer Kahnfahrt begegnen sie einem Fremden, von dem sie glauben, er sei ein Geistlicher, aber dem Mann verschwindet einfach wieder. Am nächsten Tag ist Wilhelm beleidigt, weil Herr Melina ihm indirekt vorwirft, ihnen das Geld für die Kostüme nicht leihen zu wollen. Er setzt sich auf eine Bank. Als er die ihn anbaggernde Philine abgewiesen hat, gesellt sich Melina zu ihm und entschuldigt sich. Er verspricht ihm das Geld. Als neuer Gast im Wirtshaus taucht ein Stallmeister auf und Wilhelm besucht den befreundeten Harfner.

Wilhelm glaubt, dass Mignon etwas mit Italien zu tun hat, erfährt aber immer noch nichts genaueres über sie. Ein Graf und eine Gräfin steigen im Gasthof ab und beginnen sich für die Schauspier zu interessieren. Philine arrangiert es, dass Wilhelm die Gräfin kennen lernt. Der Graf lädt alle auf sein Schloss ein, auch Wilhelm will mit, besonders wegen der Gräfin. Er schickt einen Baron, um die Truppe zu prüfen. Dieser liest aus einem selbtverfassten Stück vor. Sie gehen auf das Schloss des Grafen. Wilhelm lernt Jarno kennen und die Proben beginnen. Als Wilhelm die Rollen verteilt, will Mignon nicht mitmachen, sie wolle den Eiertanz nicht tanzen. Als der Graf eintrifft, verläuft das Stück zu aller Zufriedenheit. Sie spielen jeden Tag, aber es kommen immer weniger Besucher. Nur die Gräfin ist jeden Tag da. Offensichtlich funkt es zwischen den beiden, die Baronesse zeigt dagegen Interesse an Laertes. Jarno macht Wilhelm mit den Werken Shakespeares bekannt. Wilhelm zieht sich zurück und lebt mit Mignon und dem Harfner zurückgezogen, er beschäftigt sich nun intensiv mit Shakespeare. Er rettet Friedrich, der abgehauen war, weil er sich mit Philine gestritten hatte, vor dem Stäupen und nimmt ihn auf.

Aus Scherz stiftet die Baronesse (mit Hilfe Philines) Wilhelm an, den Schlafrock des Grafen anzuziehen und sich in sein Zimmer zu setzen, während dieser ausgeritten ist und die Gräfin ins Zimmer zu schicken. Wilhelm ist nicht begeistert, macht aber dennoch mit. Allerdings kehrt der Graf früher heim, als gedacht, geht in sein Zimmer, sieht Wilhelm in seinem Stuhl mit seinen Kleidern am Leib sitzen und verlässt sofort wieder das Zimmer. Die Baroness eilt herbei, macht das Licht aus und führt Wilhelm heraus. Er wird zum Grafen und der Gräfin gerufen, aber statt einer Strafe erhält der überraschte Wilhelm nur den Auftrag etwas vorzulesen. Der Graf kommt ihm dabei seltsam freundlich vor. Wie sich später herausstellen wird, glaubt der Graf, sich selbst gesehen zu haben, was er als ein Zeichen seines baldigen Todes deutet.

Wilhelm spricht mit Jarno über seine erweckte Liebe zu Shakespeare, doch Jarno rät Wilhelm das Theater an den Nagel zu hängen und auch ein hinzutretender Offizier gibt ihm darin Recht. Er erfährt, dass Werbeoffiziere im Schloss sind und glaubt, dass Jarno einer von ihnen ist. Die Gräfin ist sichtlich interessiert an Wilhelm und die Baronesse und Jarno, die mittlerweile gut befreundet sind, versuchen die Aufmerksamkeit der Gräfin auf ihn zu lenken und sie will sogar Abschriften seiner Stücke haben, was Wilhelm sehr schmeichelt. Sie schenkt ihm einen wertvollen Ring und küsst ihn heftig, stößt ihn von sich und ruft aus, dass wenn er sie liebe, er ihr aus dem Weg gehen solle. Der Baron übergibt im Namen des Herzogs allen Abschiedsgeschenkte und Wilhelm erhält Goldstücke, so dass er mehr Geld hat als zuvor. Der Graf stellt ihnen Pferde, die sie eine Weile mitnehmen. Der Harfner glaubt, dass er Wilhelm Unglück bringt und will ihn verlassen. Mignon weigert sich ihre Jungenkleider auszuziehen. Wilhelm dagegen zieht sich shakespearegemäß an. Die Schauspieltruppe gibt sich eine Verfassung und wählt Wilhelm zum Direktor. Auf dem Weg wurde ein Freikorps gesichtet und Wilhelm und Laertes beschließen, dennoch weiterzugehen. Als sie Rast machen, werden sie überfallen und Wilhelm schwer verwundet. Als er aus seiner Ohnmacht erwacht, treffen Husaren, angeführt von einer Amazone ein, die großen Eindruck auf Wilhelm macht. Wilhelm wird versorgt, er fällt wieder in Ohnmacht. Als er wieder aufwacht, ist die Amazone verschwunden. Begleitet von Bauern kommt der Harfner und sie bringen Wilhelm in ein nahe gelegenes Gasthaus. Alle geben ihm die Schuld an dem Überfall. Wilhelm verspricht alle reichlich zu entschädigen, sein Geld wurde nicht gestohlen. Ein Jäger kümmert sich um ihn, bringt ihn ins Pfarrhaus und lässt Geld da. Wilhelm erfährt dort ein wenig über die Amazone. Die Schauspieler reisen zu Serlo. Als es Wilhelm ein wenig besser geht, macht er sich auf zu Serlo, der ihm erzählt, dass er mit der Schauspieltruppe nichts anzufangen weiß, er hat selbst hervorragende Schauspieler. Er wird Serlos Schwester Aurelie vorgestellt. Philine möchte,  dass Wilhelm sich in sie verliebt. Aurelie schüttet ihm ihr Herz aus, dass sie unglücklich verliebt ist in Lothario, der sie verlassen hat, dass ihr Mann früh verstarb und vom dreijährigen Felix. Zusammen mit Laertes fingiert Wilhelm ein Reisejournal, in dem er seine Geschäftsreise dem Vater beschreibt, dass dieser zufrieden ist. Unter der Bedingung, dass Wilhelm bleibt, will Serlo auch die anderen Schaupieler aufnehmen. Wilhelm ist sich allerdings unsicher, denn mittlerweile findet er den Beruf des Händlers gar nicht mehr so schlecht. Er verspricht Aurelie niemals einer Frau seine Liebe zu gestehen, wenn er nicht vorhat sein ganzes Leben mit ihr zu verbringen. Als er ihr die Hand auf dieses Versprechen geben will, schneidet sie ihm mit einem Dolch in die Handfläche. Aurelies unstetes Leben macht nicht nur Wilhelm zu schaffen, sondern auch dem kleinen Felix, daher nimmt sich Mignon seiner an. In einem Brief von Werner, der sein Schwager werden soll, erfährt Wilhelm vom Tod seines Vaters. Werner berichtet außerdem, dass er mit dem Erlös, der er durch den Verkauf des Elternhauses erzielt hat, Land kaufen möchte, das Wilhelm bewirtschaften soll, da er ja laut seinem Reisejournal viel Erfahrung hätte. In einem Antwortschreiben gibt er zu das Journal gefälscht zu haben, teilt ihm mit, dass er am Theater bleiben wolle und bittet ihn, sein Geld bis zu seiner Rückkehr zu verwalten. Für die bevorstehende Aufführung von Shakespeares Hamlet fehlt der Truppe nun noch ein Schauspieler, der den Geist spielt. Sie erhalten eine anonyme Nachricht, in der steht, dass jemand käme und die Rolle übernimmt. Und tatsächlich ist am Tag der Aufführung ein Geist anwesend, jedoch ist er verhüllt und niemand erkennt den Fremden. Am Abend nach der Aufführung bringt der Theatermeister Wilhelm die Verkleidung des Geistes, auf die die Worte „Zum ersten- und letzten Mal! Flieh! Jüngling! Flieh!“ gestickt sind. In der Nacht will sich Wilhelm ins Bett legen, doch da liegt schon jemand und küsst ihn. Er hat Philine im Verdacht, hat aber in der Dunkelheit nichts gesehen. Am nächsten Tag kommt ihm Sero verdächtig vor, er glaubt, dass er mit dem bestickten Schleier des Gespenst vertraut ist. Aber da kommt Mignon angerannt und berichtet, dass das Haus brennt und Felix in Gefahr ist, weil der Harfner verrückt geworden ist. Wilhelm rettet den Jungen aus den Flammen. Der Harfner verschwindet Spurlos und Wilhelm, Mignon und Felix müssen wegen des Brandes im Gartenhaus wohnen. Als der alte Harfner wieder auftaucht, wird er zu einem Landgeistlichen gebracht, der ihn von seinem Wahnsinn heilen soll. Als Wilhelm mit Serlo Philine besucht, verbirgt sie einen Menschen mit Offiziersklamotten vor ihnen und teilt ihnen mit, dass es sich um eine Freundin von ihn handelt. Wilhelm glaubt Mariane zu erkennen. Am nächsten Tag ist sie mit dem Offizier abgereist und Laertes versucht Wilhelm zu beruhigen, dass es nicht Mariane, sondern der aus gutem Hause stammende Friedrich gewesen sei. Melina überredet Serlo eine Oper zu gründen und Wilhelm besucht abermals den Harfner. Zusammen mit dem den Harfner behandelnden Arzt sucht er die melancholische Aurelie auf. Sie übergibt Wilhelm einen Brief an ihren treulosen Geliebten Lothario und stirbt. Wilhelm will ihm den Brief überreichen. Vom Arzt hat er ein Manuskript mit dem Titel „Bekenntnisse einer schönen Seele“ erhalten, das eigentlich für Aurelies Heilung bestimmt war. Das sechste Buch in Wilhelm Meisters Lehrjahre gibt den Inhalt der Schilderungen im Manuskript wider. Dabei erzählt eine namentlich nicht genannte Dame die Geschichte ihres Lebens. Bei dieser handelt es sich um eine Tante von Natalie, Lothario, Friedrich und der Gräfin. Es stellt sich heraus, dass Natalie die Schwester von Lothario ist. Der Begriff der „schönen Seele“ entstammt den theoretischen Überlegungen Schillers. Schiller geht es bei seinem Begriff der schönen Seele darum, dass die gesellschaftlich auferlegten Pflichten und eigenen Neigungen (oder auch Vernunft und Sinnlichkeit oder Affekt und Willen) zusammenpassen:

Eine schöne Seele nennt man es, wenn sich das sittliche Gefühl aller Empfindungen des Menschen endlich bis zu dem Grad versichert hat, daß es dem Affekt die Leitung seines Willens ohne Scheu überlassen darf und nie Gefahr läuft, mit den Entscheidungen desselben im Widerspruch zu stehen. Daher sind bei einer schönen Seele die einzelnen Handlungen nicht sittlich, sondern der ganze Charakter ist es. (Schiller 1793 [1997:468])

Im siebten Buch macht sich Wilhelm wieder auf die Reise und trifft unterwegs den vermeintlichen Geistlichen der Kahnfahrt wieder. Er tröstet ihn ein wenig über die Zeit am Theater hinweg und sagt ihm, dass man aus allen Erlebnissen des Lebens etwas mitnehme, dass alles zur Bildung beitrage, auch wenn man es nicht merke. Er gelangt zum Schloss Lotharios, den er wegen seines Verhaltens Aurelies gegenüber schelten will. Lothario überredet ihn, über Nacht zu bleiben. Beim Frühstück lernt Wilhelm Lydie, Lotharios Schwester kennen, die klagt, dass Lothario in ein Duell verwickelt ist. Und schon wird dieser verwundet und von Jarno begleitet auf einem Wagen gebracht. Der Arzt, der sich um ihn kümmert hat eine Tasche, die Wilhelm erkennt: er glaubt, es ist die Tasche des Arztes, der ihn nach dem Überfall behandelt hat. Der Arzt behauptet sie auf einer Auktion gekauft zu haben. Lothario erzählt Wilhelm von seinen Wirtschaftsmethoden und dass er seine Mitarbeiter am Gewinn beteilige. Diese Idee habe er aus Amerika. Er weiß einiges über Wilhelm von seiner Schwester der Gräfin. Im Gespräch mit Jarno erzählt Wilhelm, wie enttäuscht er vom Theater ist und Jarno entgegenet nur, dass Wilhelm nicht vom Theater, sondern von der Welt spricht. Er verspricht Wihlem zu helfen, die Amazone aufzuspüren.

Der Arzt, der schon den Harfner und Aurelie betreut hat trifft ein und berichtet vom sich bessernden Zustand des Harfners, der glaube bald zu sterben. Lotharios Zustand macht ihm Sorgen, er sei gequält durch seine Liebe zu Lydia. Jarno sagt Wilhelm, er solle sie zu Therese bringen. Er trifft auf Therese in einem Jägerkostüm und sie erzählt ihm im Wald ihre Lebensgeschichte. Er erfährt, das Therese und Lydie gemeinsam erzogen worden sind. Später lernte sie Lothario kennen, der sie zur Frau wollte, woraufhin Lydie eifersüchtig wurde, da sie dachte, Lothario hätte sich für sie interessiert. Die Verbindung kommt aber nicht zustande, weil Lothario glaubt, einmal mit ihrer Mutter angebandelt zu haben. Therese verschreibt ihr Leben nach dieser Enttäuschung hilfsbedürftigen Kindern.

Zurück in Lotharios Schloss, stellt sich heraus, dass es diesem erstaunlich viel besser geht. Wilhelm erfährt, dass Felix nicht wie angenommen der Sohn von Lothario und Aurelie ist. Jarno kann berichten, dass Felix von Aurelie aufgenommen wurde und er sagt ihm, dass er das Theater sein lassen soll. Er beauftragt ihn, Felix und Mignon zu Therese zu holen.

Als er bei Mignon und Felix ankommt, trifft er überraschenderweise auch die alte Barbara an, die ihm einen Brief von Mariane übergibt, die nach der Geburt des gemeinsamen Kindes gestorben ist. Im Brief bittet sie, die ihm immer treu war, ihn darum, auf ihr Kind, den Felix und Barbara Acht zu nehmen. Er bringt alle zu Therese. Zurück auf dem Schloss sind alle dabei Pläne zur Erweiterung der Güter zu machen. Wilhelm bemerkt, dass sie etwas vor ihm verbergen, aber Jarno sagt ihm, dass er ihn in ihre Geheimnisse einweihen wolle. Er bringt ihn in eine ehemalige Kapelle im Schloss. Dort begegnet er dem Fremden, mit dem er einst über die Kunstsammlung seines Großvaters gesprochen hat und dem Offizier, bei dem ihm der Verdacht kam, Jarno sei ein Werbeoffizier. Auch der Unbekannte, der den Geist gespielt hatte, ist anwesend. Der Abt übergibt ihm seinen Lehrbrief, mit dem er in die Gemeinschaft aufgenommen ist. In dem Raum befinden sich Aufzeichnungen nicht nur seiner Lehrjahre, sondern auch der Lehrjahre von Jarno und Lothario. Ihm wird nochmals bestätigt, dass Felix sein Sohn ist und dass seine Lehrjahre nun vorbei sind. Werner trifft ein, der ein Geschäft mit Lothario abschließen will. Er hat sich stark verändert und ist nur noch auf Gewinnmaximierung aus. Wilhelm fasst die Aufzeichnungen seiner Lehrjahre für Therese zusammen, schickt ihr stattdessen dann aber einen Heiratsantrag. Nachdem die gegensätzlichen Auffassungen Lotharios, der gerechte Besitzverhältnisse schaffen will und Werners, der ein konservatives Weltbild vertritt dargelegt werden, schickt Lothario Wilhelm zu seiner Schwester Natalie, wo auch die erkrankte Mignon verweilt. Er soll ihr außerdem ausrichten, dass ihr Großoheim (der Marchese Cipriani) bald kommen werde. Bei Natalie angekommen, sieht er in ihrem Haus die Kunstsammlung seines Großvaters und stellt fest, dass sie die Amazone ist. Auf einem Bild sieht er Natalie, es stellt sich jedoch heraus, dass es ihre Tante, die schöne Seele, aus dem Manuskript ist und das auch Friedrich der Bruder von Natalie und Lothario ist. Vom Arzt erfährt Wilhelm, dass Mignon aus Mailand stammt, von Seiltänzern entführt wurde und Mignon als Kind eine Erscheinung der Mutter Gottes hatte, der er versprach nicht mehr über seine Herkunft zu sprechen. Sie wurde herzkrank, da sie nach der Aufführung des Hamlet, zu Wilhelm wollte, jedoch sah, dass Philine zuerst bei ihm war.

Natalie gibt Wilhelm einen Brief von Therese, aus dem hervorgeht, dass sie ihn ebenfalls heiraten will. Allerdings interessiert sich Wilhelm nun für Natalie. Er will Lothario in einem Brief mitteilen, dass er Therese heiraten werde, doch bevor der Brief versandt werden kann, taucht Jarno und übermittelt Wilhelm die Nachricht, dass Therese doch nicht die Tochter der Frau ist, mit der er etwas hatte und sie nun selbst heiraten. Wilhelm will sie ihm auch überlassen, aber Therese schreibt in einen Brief, dass sie Wilhelm wolle und er zu ihr kommen solle. Natalie nimmt ihm aber das Versprechen ab, dass er das nicht tut. Sie schickt Therese einen Brief, um alles aufzuklären, woraufhin Therese nochmals schreibt, dass sie Wilhelm heiraten möchte.

Therese trifft ein und umarmt Wilhelm, Mignon bricht daraufhin tot zusammen. Therese klammert sich umso stärker an Wilhelm, der aber Natalie will. Lothario und Jarno kommen hinzu. Lothario sagt, dass Therese alles entscheiden soll. Am abend kommt auch Friedrich hinzu. Es stellt sich heraus, dass er der Offizier war, den er bei Philine gesehen hat und dass Friedrich in sie, die mittlerweile Schwanger ist, verliebt ist. Wilhelm sagt, dass er Lothario gern den Vortritt überlässt.

Die Gemeinschaft, in die Wilhelm aufgenommen wurde, die sogenannte Turmgesellschaft, soll in der ganzen Welt Niederlassungen bekommen und so fragt Jarno Wilhelm, ob er nicht mit ihm nach Amerika kommen möge oder lieber bei Lothario in Deutschland bleiben wolle. Jarno erzählt auch, dass er um Lydiens Hand angehalten hat.

Als der Marchese nach seiner Ankunft die tote Mignon sieht, erkennt er, dass es sich um seine totgeglaubte Nichte handelt. Es stellt sich heraus, dass es sich wie folgt verhalten hat: Der Harfner ist der Bruder des Marchese und heißt Augustin. Der war verliebt in ein Mädchen mit Namen Sperata, die von ihm schwanger war. Dummerweise stellte sich heraus, dass der Augustin und Sperate Geschwister waren und so wurde ihn das Kind, Mignon, weggenommen und zu einer Familie an den Laggo Maggiore gebracht. Der Harfner floh nach Deutschland und Sperata starb.

Der Harfner taucht wieder auf und berichtet eines Tages, dass Felix Gift getrunken habe. Augustin schneidet sich selbst die Kehle durch, eine Wunde, der er erliegt. Es stellt sich heraus, dass Felix kein Gift getrunken hat. Therese ist bereit Lothario zu heiraten, wenn auch Wilhelm und Natalie heiraten. Natalie ist einverstanden.  

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Das titanenhafte Streben. Goethes Faust I: Interpretation

Während Iphigenie das menschliche im Menschen darstellt, die sanft versucht sich selbst zu verwirklichen, verkörpert Faust das übermenschliche und rebellisch-titanenhafte Streben, wie es im Orest noch anklingt (Geisenhanslüke 1997:7). Dieses Streben erinnert auch an das überschwengliche und ich-zentrierte Menschenbild des Sturm und Drang. Für den Genuss und die Befriedigung seines Wissenshungers opfert Faust sein Seelenheil und stellt sich den Normen der Gesellschaft damit entgegen.

Faust ist einerseits der nach Erkenntnis hungernde Gelehrte andererseits will er seine niedrigen Triebe befriedigen. Daher spricht er auch davon, dass zwei Seelen in seiner Brust wohnen. Suda (1993:52) führt über diese zwei Seelen aus:

Man wird nicht fehlgehen, die eine Seele, die so deutlich mit sexuellen Konnotationen umschrieben wird [...], als die sinnlich-triebhafte Seite des Menschen zu übersetzen. Die andere Seele wird man mit der geistig-transzendenten Wesenskomponente des Menschen beschreiben dürfen.

Die ganze Tragödie – entstanden in jahrzehntelanger Arbeit und Spiegel von Goethes Einflüssen von Sturm und Drang, Klassik und Romantik – „ist der Versuch einer geistigen Durchdringung des Weltganzen“ (Sudau 1993:39) vom Himmel bis zur Hölle. Und der Himmel ist es auch, in dem die eigentliche Handlung ihren Lauf nimmt. Dort wetten Gott (genannt der Herr) und der Teufel (Mephisto) in Anlehung an das biblische Buch Hiob, dass es letzterer nicht schafft, Faust (als Repräsentaten der Menschheit) vom rechten Weg abzubringen. Dabei geht es um nichts geringeres als den Wert der Schöpfung selbst.

Für Goethe waren die „zwei großen Triebräder der Natur: der Begriff von Polarität und von Steigerung“, es geht ihm also um „das Anziehen und Abstoßen“ (zitiert nach Döring 1837:413). Leben bedeutet für ihn also Tätigkeit und so kommt es auch im fünften Akt von Faust II zum Ausdruck, wo es in Vers 11936f. heißt „Wer immer strebend sich bemüht / Den können wir erlösen“. Faust wird dem Goethe’schen Weltbild entsprechend durch die Gnade Gottes erlöst, obwohl nicht die Rede davon sein kann, dass er gut handelt. Aber Gut und Böse sind für Goethe zwei Seiten derselben Medaille. So ist auch der schalkhafte Mephisto nicht das Urböse, sondern „Ein Teil von jener Kraft / Die stets das Böse will und stets das Gute schafft“ (V. 1135f.)[2] und auch in Faust sind diese zwei Seiten vorhanden, wie er es mit den berühmten Worten auch zum Ausdruck bringt: „Zwei Seelen wohnen, ach! in meiner Brust“ (V. 1112). In seiner Rede zum Shakespearetag sagt es Goethe auch explizit: „das was wir bös nennen, ist nur die andere Seite des Guten, die so notwendigerweise zu seiner Existenz und das Ganze gehört, als Zona torrida brennen und Lappland einfrieren muss, dass es einen gemäßigten Himmelsstrich gebe“ (Goethe 1771 [2006:10]). Würde eine dieser Seiten fehlen, würde die Welt zu existieren aufhören. So macht Mephisto mit Faust aus, dass wenn Mephisto es vollbringt, dass er Fausts Gelüste befriedigen kann und dieser sich ins „Faulbett“ legt (V. 1692), Faust sofort in die Hölle kommt.

Faust soll in seinem Handeln kein Vorbild darstellen und auch kein abschreckendes Beispiel abgeben, er ist nicht mit einem einfachen Null-Eins-Gut-oder-Böse-Schema zu verstehen, sondern er ist ein ganz normaler Mensch mit widerstreitenden Interessen, eine „wertfrei betrachtete Repräsentaz des Menschlichen [...] [der] so widersprüchlich wie das Leben und so vieldeutig wie die Wirklichkeit selbst beschaffen“ (Sudau 1998:48) ist. Zwar mag Faust in den Augen Gretchens als ungläubiger erscheinen, weil er nicht direkt an den Wortlaut der Bibel glaubt, aus den Augen der Stürmer und Dränger betrachtet, verkörpert er jedoch einen Pantheisten (der manchmal allerdings atheistische Ansichten vertritt). Was aber genau will Faust eigentlich?

Faust befindet sich in einer umfassenden Erkenntnis- und Existenzkrise. [...] [Er] will die gottgleiche All-Einsicht und All-Wahrheit. [...] Faust will das Unendliche im Endlichen, will als Begrenzter das Unbegrenzte [...]. Das ist wahrhaftiger Titanismus, das ist aber auch Hybris, und es ist Programm einer Tragödie. [...] Letzten Sinnes ist es überhaupt keine wissenschaftliche Erkenntnis, nach der sich Faust inbrünstig sehnt, sondern es ist mystische Erfahrung oder religiöse Erleuchtung. (Sudau 1998:59f.)

Er sucht also die Erfüllung im Leben, die er bisher nicht gefunden hat, kein Wunder, da er bisher nur hinter Büchern, hinter seinem Schreibtisch sitzend nach ihr gesucht hat. In seiner Übersteigerung, in seiner Anmaßung und in Verkennung seines Menschseins möchte Faust eine Gottgleichheit erreichen.

 

Don Karlos: Inhaltsangabe

Schillers Don Karlos steht am Übergang zwischen Sturm und Drang und Klassik. Zwar weißt das Drama fünf Akte auf, diese sind jedoch unterschiedlich gewichtet, folgen also nicht streng dem klassischen Schema. Zu Beginn des Dramas ist Don Karlos noch stark von seinen Leidenschaften und seiner Liebe geprägt, passt also eher in den Sturm und drang, im Verlauf des Stücks löst jedoch Posa ihn immer mehr als Hauptfigur ab. Dieser ist überzeugt von seiner Idee der Freiheit, steht also dem Humanismus näher, auch wenn er nicht wirklich richtig handelt und seinen Freund hintergeht. Don Karlos reift erst von seiner Schwärmerei zu innerer Vollendung heran, als Posa ermordet wird und er dessen Ideen vollends übernimmt und seine Liebe zur Stiefmutter überwinden kann. An Schillers Ideal der schönen Seele am nächsten kommt allein die französischstämmige Elisabeth von Valois, die immer souverän und sich selbst treu bleibt. Im gesamten Stück kommt die Staaträson und die Hofetikette, i.e. die gesellschaftlichen Normen, schlecht weg. Sie verhindern eine Versöhnung zwischen Philipp und Don Karlos, machen Philipp einsam, lassen Don Karlos nicht offen mit seiner Schwiegermutter sprechen, sorgen dafür, dass die Marquisin von Mondekar verbannt wird, zwingen Posa und Don Karlos dazu ihre Freundschaft geheim zu halten, etc. Auch die Kirche kommt nicht gut weg, die den Protestantismus nicht gut heißt, i.e. keine Religionsfreiheit gewährt, immer um ihre Macht bemüht ist, die verkörpert durch Domingo die Unwahrheit sagt. Im Laufe des Stücks findet eine Verlagerung des Schwerpunkts von Freundschaft hin zu höheren Zwecken, namentlich der Freiheit, statt, also eine Verlagerung vom Einzelindividuum hin zu allen Menschen. Dies zeigt deutlich den Übergang vom Sturm und Drang hin zur Klassi.

Die Geschichte beginnt im Garten von Aranjuez, wo der Beichtvater des Königs, dem nicht entgangen ist, dass den 23-jährigen Kronprinzen von Spanien Don Karlos etwas bedrückt, herauszufinden versucht, was ihm auf der Seele brennt. Don Karlos, weiß, dass er ihm sein Geheimnis, seine heimliche Liebe zu seiner Stiefmutter Elisabeth von Valois, besser nicht anvertraut, da sie gegen gesellschaftliche Konventionen verstößt. Nachdem Domingo abgetreten ist, tritt Don Karlos’ Jugendfreund Marquis Posa auf, der den Kronprinzen um seine Hilfe, die unterdrückten Niederlande, das vom katholischen Spanien unterdrückt wird zu befreien zu suchen. Don Karlos erzählt ihm jedoch sein Geheimnis. Posa beschließt, ein Treffen zwischen der Stiefmutter und Don Karlos zu arrangieren. Elisabeth, die Marquise von Mondekar, die Herzogin von Olivarez und Prinzessin Eboli befinden sich ebenfalls im Garten und Posa lässt vermelden, dass er mit der Königin sprechen möchte, da er ihr Briefe ihrer Mutter überreichen möchte, woraufhin sich die Herzogin Olivarez entfernt, die Prinzessin Eboli wird weggeschickt und Posa herbeigerufen. Posa lenkt die Marquisin von Mondekar ab und Don Karlos wirft sich vor die Königin und gesteht ihr seine Liebe. Diese ist allerdings alles andere als begeistert und beruft sich auf die Hofetikette. Sie schlägt ihm vor Spanien zu lieben an ihrerstatt und Karlos willigt ein, das Thema nicht mehr anzusprechen.  Als der König naht, übergibt sie ihm Briefe aus den Niederlanden. König Philipp, der Chef der Leibwache Graf Lerma, der Vertraute des Königs Herzog Alba und Domingo treten auf. Der König, der seine Frau streng überwacht, ist verwundert, dass seine Frau alleine spazieren geht. Da sie nicht erklären kann, wo die Marquisin Modekar sich aufhält, wird diese wegen Verstoßes gegen die Etikette zu 10 Jahren Verbannung verurteilt. Auch, dass Don Karlos nicht da ist und er sich in letzter Zeit seltsam verhält, verwundert den König und lässt ihn misstrauisch werden. Zu Posas Zufriedenheit bittet Don Karlos seinen Vater um eine Audienz, um in die protestantischen Niederlande gesandt zu werden. In Madrid will Don Karlos sich unter vier Augen mit seinem Vater versöhnen, der allerdings keinerlei Verständnis für dessen Gefühlsduselei hat und lehnt seine Bitte ab. Stattdessen werde er Herzog Alba in die Niederlande entsenden, jedoch entschließt er sich den Prinzen mehr einzubinden.

Ein Page der Königin überreicht Don Karlos einen Brief mit einem Schlüssel. Fälschlicherweise nimmt er an, dass dieser von der Königin stammt, in Wirklichkeit ist jedoch die Prinzessin Eboli die wahre Absenderin. Nach einem Streit mit Alba, der von der Königin unterbrochen wird, ist Alba misstrauisch. Don Karlos folgt der im Brief enthaltenen Einladung und ist sichtlich verwirrt, als er die Prinzessin Eboli und nicht Elisabeth antrifft, was die Prinzessin nicht versteht. Sie gibt ihm einen Liebesbrief, den der König ihr geschrieben hat und bittet ihn, sie von einer Zwangsehe zu befreien, da sie nur einen (Don Karlos) liebe. Als das Mißverständnis auffliegt, hat Karlos, Ebolis Brief, den Schlüssel zu ihrem Kabinett und den Brief des Königs in der Hand, die Prinzessin ist unglücklich. Falsche Schlussfolgerungen ziehend denkt die Prinzessin, dass Karlos und die Königin sich gegenseitig lieben. Sie will sich rächen und beschließt dem König von diesem verbotenen Verhältnis zu erzählen. Alba und Domingo kommen derweil auch zu dem Ergebnis, dass Karlos etwas für seine Stiefmutter übrig hat und beschließen, dass sie einen Beweis dafür finden müssen, um ihre Stellung zu sichern. Weil Domingo, schließlich ist er der Beichtvaters des Königs weiß, dass Philipp etwas für die Prinzessin Eboli übrig hat, will er sie hinzuziehen und spricht mit ihr. Sie erzählt ihm, dass die Königin den König betrüge, was Domingo freut. Er weist sie an, der Königin aus ihrer Schatulle Beweisbriefe zu entnehmen und damit zum König zu gehen. In einem Karthäuserkloster treffen sich Don Karlos und Posa und ersterer erzählt letzterem von dem Brief des Königs an Eboli, den er anschließend zerreißt um zu verhindern, dass Karlos ihn der Königin zeigt. Eigentlich will Posa Karlos ja nur für seine Sache gewinnen: die Befreiung der Niederlande.

Währenddessen hat die Prinzessin Eboli König Philipp mehrere Briefe und ein Medallion überreicht und den König misstrauisch gemacht. Als Alba den König mit diesen Gegenständen antrifft, entpuppt sich, dass er bereits davon wusste. Der König ist natürlich sauer, warum sein Vertrauter ihn darüber nicht unterrichtet hat. Letztendlich schwindet das Vertrauen des Königs in Alba und Domingo und er beschließt, den Marquis Posa hinzuzuziehen. Auf den König warten mitterweile die Granden (der höchste Adel des Landes) und Don Karlos. Als der König zu ihnen tritt, berichtet der Admiral Medina Sidonia, dass er fast die ganze Flotte verloren habe. Entgegen aller Erwartungen ist der König jedoch nicht so sauer wie gedacht. Der König und Posa treffen sich allein und Posa fordert den König in einer flammenden Rede dazu auf, die Niederlande nicht länger zu unterdrücken und fordert Gedankenfreiheit. Der König ist zwar von seinen Ideen überhaupt nicht begeistert, ihm gefällt aber Posas Auftreten. Philipp glaubt nun, dass er Posa vertrauen kann und fordert ihn auf, herauszufinden was an den Gerüchten über seinen Sohn und dessen Schwiegermutter dran sei (Posa zeigt sich bestürzt über diese Anschuldigungen und verteidigt beide). Er bekommt die Vollmacht, die Königin immer aufzusuchen.

Währenddessen erteilt die Königin, die ihren Schatullenschlüssel vermisst, diese mit Gewalt zu öffnen, da tritt die Prinzessin Eboli auf, die sie um eine Unterredung bittet. Als sie alleine sind, taucht jedoch Posa auf. Da er weiß, dass Elisabeth auch eine Anhängerin seiner Ideen der Freiheit ist, bittet er sie darum, Karlos zu überzeugen, sich für die Niederlande einzusetzen, außerdem gibt er ihr einen Brief von Karlos mit der Bitte um ein Treffen. Posa nimmt bei einem Treffen mit Karlos seine Brieftasche und den Brief der Königin entgegen. Der König zweifelt unterdessen daran, ob sein Kind, die Infantin Klara Eugenia wirklich sein Kind oder nicht vielleicht doch das Kind von Don Karlos sein könnte. Mitten in sein Nachsinnen tritt die Königin ein, die Infantin findet das Medallion und die Briefe und die Königin erkennt, das der König der Dieb ist, den sie sucht. Philipp beleidigt Elisabeth als Buhlerin und stößt die Infantin von sich. Als die Königin sie schützen will, stürzt sie und verletzt sich. Der König will ihr, um einen Skandal zu vermeiden, aufhelfen, doch Alba und Domingo betreten den Saal.

Posa überreicht in einer Unterredung mit dem König ihm Don Karlos’ Brieftasche, ohne den Brief. Der Brief der Prinzessin Eboli ist jedoch nich darin und so glaubt Philipp, dass sie Schuld an der ganzen Intrige habe. Posa macht ihn glauben, dass Elisabeth und Don Karlos unschuldig sind, jedoch die Niederlande befreien wollte. Der König beauftragt daraufhin Posa auf Don Karlos Acht zu geben und erhält (vorläufig und nur zur Sicherheit) einen Haftbefehlt für seinen Sohn. Posa lässt Don Karlos durch die Leibwache verhaften und überlegt, die Prinzessin Eboli umzubringen, da sie zuviel wissen könnte, entscheidet sich aber dagegen. Diese berichtet unterdessen der Königin von Don Karlos’ Gefangennahme und gesteht ihr ihre Intrige und ihren Ehebruch mit dem König. Die Prinzessin wird verbannt. Posa sucht die Königin auf und teilt ihr mit, dass Don Karlos flüchten müsse und er sich für ihn opfern wolle, dass ihr Stiefsohn die Niederlande befreien könne. Posa besucht Don Karlos im Gefängnis (Karlos ist erfeut und nicht sauer, weil er denkt, dass seine Gefangennahme der Befreiung der Niederlande dient)  und gibt ihm seine Brieftasche zurück, woraufhin er erkennt, dass der ihn belastende Brief nicht zum König gelangt ist. Als Posa erklärt, dass er Don Karlos Zeit für seine Fluch in die Niederlande verschaffen will, wird er erschossen. Der König kommt zu Karlos und letzterer wirft ersterem Mord an seinem Freund vor. Es trifft die Nachricht von einer Volksrebellion ein, die den Prinzen befreien möchte, der König fühlt sich nur noch beschuldigt und weiß nicht mehr, was er tun soll. Doch die Granden stehen noch hinter ihm, wie sie bekräftigen.

Der Arzt der Königin gibt Don Karlos einen Schlüssel zum Gemach der Königin und sagt, er solle um Mitternacht zu ihr gehen. Graf Lerma gibt Karlos alles Nötige zu seiner Flucht und hofft, dass er als guter König eines Tages zurückkehren werde. Diese Fluchpläne werden allerdings Alba bekannt und teilt sie dem König mit. Dieser ist allerdings nicht mehr in der Lage zu handeln und zieht den alten und blinden Großinquisitor hinzu, der beschließt, dass man Don Karlos töten müsse. Don Karlos ist inzwischen bei der Königin, die er nun nicht mehr liebt, es geht im nur noch um die gemeinsame Sache, doch schon ist unbemerkt der König mit seinen Leuten im Raum, Elisabeth fällt in Ohnmacht und Don Karlos fällt in die Hände der Inquisition.

Maria Stuart: Inhaltsangabe und Interpretation

Das Stück beginnt auf dem Landsitz Fotheringhay, auf dem Maria Stuart, die Königin von Schottland gefangen gehalten wird, nachdem sie aus Schottland aufgrund der Ermordung ihres Gatten, König Darnley nach England geflohen war und Schutz bei ihrer Schwester der englischen Königin, Elisabeth I. gesucht hatte. Elisabeths Problem besteht darin, dass Maria einen Anspruch auf ihren Thron hat. Die Handlung des Stücks beginnt 3 Tage vor Marias Hinrichtung und 19 Jahre nach ihrer Flucht. Der erste Bewacher Marias, Amias Paulet bricht deren Schrank auf und entnimmt ihm den königlichen Schmuck, sowie einen Brief. Marias Amme, Hanna Kennedy protestiert gegen dieses Vorgehen. Paulet erzählt dem zweiten Bewacher, Drugeon Drury, dass Maria ihren Mann ermordet und einen Bürgerkrieg angezettelt habe, woraufhin sich Hanna Kennedy beschwert: Man sei gekommen um Schutz zu ersuchen, stattdessen werde gegen Völkerrecht verstoßen. Aber Paulet entgegnet darauf nur, dass Maria gekommen sei um England zu katholisieren und zu verraten.

Erst jetzt tritt Maria hinzu, sie gibt an, dass sie Schmuck und Brief sowieso übergeben wollte und erläutert, dass es sich bei dem Brief um eine Nachricht an Elisabeth mit der Bitte um eine Unterredung sowie um einen katholischen Priester und einen Notar für ihr Testament, handele. Auf die Frage nach ihrem Prozess antwortet ihr Paulet, dass sie sich auf den Tod gefasst machen könne.

Paulets Neffe, Mortimer tritt auf und sagt Paulet, dass nach ihm gesucht würde, Maria sieht ihre Chance gekommen, sich über Mortimers Verhalten zu beschweren. Als nur noch Maria und Hanna Kennedy anwesend sind, gesteht erstere, an der Ermordung ihres Mannes schuld zu sein und ein und sich von Bothwell habe verführen lassen. Mortimer tritt erneut auf und befiehlt Hanna zu gehen, was Maria verweigert. Mortimer übergibt Maria einen Brief ihres Onkels, des Kardinals von Lothringen, woraufhin Hanna nun doch (mit der Bitte darauf Acht zu geben, dass Paulet nicht eintritt) aufgefordert wird, zu gehen. Es stellt sich heraus, dass Mortimer ihr doch wohlgesonnen ist, er dies jedoch vor den anderen nicht zeigen kann. Er war in Frankreich und Rom gewesen, wo er einen anderen Onkel Marias, den Kardinal von Guise sowie die Schotten John Morgan und den Bischof Leßley, getroffen habe und zum Katholizismus gefunden habe. Mortimer erläutert, dass er Maria aufgrund ihres drohenden Todes retten wolle, diese erwidert aber, dass dies nur durch Elisabeth oder Graf Leicester geschehen könne. Mortimer tritt ab, da Lord Burleigh naht. Dieser überbringt das Gerichtsurteil, das Maria aber nicht anerkennen will, nur Könige könnten über sie richten. Außerdem möchte sie mit Margareta Kurl und Nau reden, ihren ehemaligen Bediensteten, die Beweise für ihre Schuld in Kopie vorgelegt hätten.

Bei einem Treffen des Grafen von Kent und dem Staatssekretär Wilhelm Davison, berichtet letzterer von einem Turnier, auf dem die Franzosen, beauftragt von Franz von Anjou um Elisabeths Hand angehalten hätten, war aber abgelehnt worden sei. Der Graf von Kent sieht in dieser Verbindung eine Chance, die Thronnachfolge zu regeln und Maria Stuart von dieser auszuschließen.

Bei einem Treffen zwischen Elisabeth und den französischen Gesandten lehnt diese wiederum deren Bestrebungen einer Eheverbindung ab, da die Ehe ihre Standespflichten gegenüber dem Volk einschränken würde. Graf Bellievre bekommt einen Orden überreicht um die Verbindung zwischen Frankreich und England zu sichern. Es deutet sich an, dass Elisabeth vielleicht doch eine Eheverbindung mit Frankreichs König eingehen würde. In einer Besprechung zwischen Elisabeth, Graf von Leicester, Burleigh und Graf Talbot ermahnt Graf Talbot Elisabeth dazu, Maria nicht hinrichtetn zu lassen, Burleigh setzt sich jedoch dafür ein und argumentiert, dass das Volk danach verlange. Paulet taucht auf, der Elisabeth seinen Neffen Mortimer vorstellen will. Er berichtet, dass in Frankreich lebende Schotten Anschläge gegen England planten. Paulet übergibt Elisabeth Marias Brief. Deren Bitte um ein Treffen verunsichert die Königin. Alle müssen gehen, nur Elisabeth und Mortimer bleiben. Elisabeth glaubt diesem vertrauen zu können und bittet ihn darum ihr zu helfen, Maria noch im Gefängnis sterben zu lassen. Dies hätte den Vorteil, dass das Volk ihr nicht wegen eines vollstreckten Todesurteils zürnen könne. In einem Gespräch zwischen Mortimer und Paulet erkennt letzterer, dass Mortimer sich verstellt. Da kommt Leicester hinzu, der berichtet, dass Mortimer nun allein für die Überwachung Marias zuständig sei.

Mortimer und Leicester unterhalten sich. Dabei wird klar, dass (i) beide Maria retten wollen (ii) beide die Pläne des anderen nicht gut heißen, (iii) Leicester in Maria verliebt ist, (iv) die beiden schoneinmal heiraten sollten, Maria dann aber doch Darnley heiratete, da er auf Elisabeth gehofft hatte, Leicester gibt Mortimer einen Brief an Maria, der will aber nicht den Boten für Leicester Liebesbekundungen ranhalten. Danach trifft Elisabeth auf Leicester, der auf ihre Frage hin, mit wem er sich unterhalten habe nur ausweichende Antworten gibt und beklagt, dass sie den Duc von Anjou heirate und nicht ihn. Elisabeth begründet ihr Verhalten damit, dass sie eben nicht, wie Maria, ihren Neigungen nachgeben könne, sondern ihren Pflichten nachkommen müsse. Sie fragt, ob Maria wirklich so schön sei, wie immer gesagt würde. Leicester sieht seine Chance gekommen und überredet sie zu einem Treffen der Königinnen.

Bei einem Freigang unterhalten sich Maria und Hanna über die schottischen Berge, die zu sehen sind und Maria bringt ihre Sehnsucht nach Heimat und Freiheit zum Ausdruck, Hanna ihren Glauben an eine baldige Befreiung durch Leicester. Paulet tritt hinzu und teilt mit, dass ein Treffen der Königinnen bevorstünde. Graf Shrewsbury tritt hinzu, danach Elisabeth und Leicester. Es kommt zu einem Streit, am Ende verliert Maria die Beherrschung, bis sich auch noch Leicester abwendet. Maria ist erleichtert, ihren Gefühlen Luft gemacht zu haben, Hanna befürchtet das Schlimmste. Maria, Hanna und Mortimer, der alles mit angehört hat treffen aufeinander. Mortimer berichtet, dass für die Flucht alles bereitstünde und auch die Kirche ihren Segen gegeben hätte, um nötige Morde zu begehen. Als Maria seinem Plan nicht zustimmen will, gesteht Mortimer seine Liebe und lässt seinen Gefühlen freien Lauf.

Paulet, Mortimer und Drury unterhalten sich: Paulet berichtet von Elisabeths Ermordung durch den Katholiken Sausage in London, er will alles absperren lassen. Allerdings stellt sich heraus, dass Elisabeth den Anschlag überlebt hat. Mortimer erkennt daraufhin, dass es jetzt Zeit für eine Flucht ist. Graf Ausbespine, der französische Gesandte muss von den Grafen Leicester und Kent erfahren, dass es sich bei dem Attentäter nicht nur um einen Katholiken, sondern um einen französischen Katholiken gehandelt habe. Er wird daraufhin des Landes verwiesen, da er den Pass des Attentäters ausgestellt habe. Mortimer berichtet Leicester, dass ein Brief Marias mit brisanten Inhalt über die von ihm geplante Flucht abgefangen worden sei und sich in Burleighs Händen befinde. Leicester lässt Mortimer wegen Staatsverrat verhaften, doch dieser ersticht sich vorher selbst. Der Brief befindet sich mittlerweile bei Elisabeth, die beschließ, dass erst Maria und dann Leicester hingerichtet werden müssen. Allerdings hat sie immer noch ein wenig Hoffnung, dass es sich um eine Intrige handelt. Als Leicester hinzutritt, bestätigt dieser, dass es einen Fluchtplan gegeben habe, dieser aber von Mortimer ausgeheckt worden sei. Er beharrt darauf, dass Maria schnell getötet werden müsse. Elisabeth besteht darauf, dass Burleigh und Leicester das Todesurteil vollstrecken müssen. Auch der eintreffende Graf von Kent besteht auf eine schnelle Vollstreckung Marias, da das Volk wegen der angeblichen Ermordung Elisabeths und seiner Angst vor den Katholiken.

Davison, der Staatssekretär drängt Elisabeth ebenfalls das Urteil zu unterschreiben. Einzig Graf Shrewsbury erinnert sie an ihre Menschlichkeit und gemahnt zum Frieden. Elisabeth gibt zu erkennen, dass ihre Lust auf Staatsgeschäfte nicht mehr sehr groß ist und sie muss sich eingestehen, dass die Entscheidung eigentlich nur bei ihr und ihrem Gewissen und nicht bei ihren Beratern liegt. Ihr Problem erkennt sie darin, dass sie nicht einfach über das Volk hinweg entscheiden könne, sondern immer auf dieses achten müsse. Schließlich unterschreibt sie das Urteil und übergibt es Davison, dem sie versucht die Schuld in die Schuhe zu schieben. Sie lässt ihn in Unklarheit darüber, was nun passieren soll zurück. Burleigh entreißt dem unschlüssigen Davison das Todesurteil und geht damit davon. Melvil erfährt von Margareta Kurl, dass ihr Mann vor Gericht nicht die Wahrheit gesagt hat. Er trifft auf Maria, die sich mental auf ihren Tod vorbereitet. Sie ist traurig, nicht mehr vor einem katholischen Priester beichten zu können. Melvil gibt sich aber als solcher zu erkennen und nimmt ihr die Beichte ab. Maria gesteht ihren Ehebruch und den Mord an ihrem Mann, den Hochverrat an Babington und Parry und die Absicht Elisabeth etwas Böses zu wollen, weist sie aber von sich. Als man sie nach ihrem letzten Willen fragt, sagt sie, dass man ihre Bediensteten gehen lassen solle, dass sie in Frankreich begraben werden wolle und dass sie Elisabeth um Vergebung bitte. Alles weitere stehe in ihrem Testament. Nocheinmal trifft sie auf Graf Leicester, dem sie vorwirft, nicht nach seinem Herzen gehandelt, sondern bei der Werbung um sie und Elisabeth nur von Macht sich habe leiten lassen. Leicester erkennt seinen Verrat und wohnt der Enthauptung nur aus dem Hintergrund heraus bei. Graf Shrewsbury berichtet Elisabeth, dass die Schreiber im Gefängnis und die Vorwürfe gegen Maria falsch. Die Königin ordnet eine neue Untersuchung an. Als Davison auftaucht, will Elisabeth ihr Urteil zurück, das dieser aber an Burleigh weitergegeben habe. Daraufhin droht sie ihm mit Hinrichtung. Dem auftauchenden Burleigh droht sie mit dem Gericht, da er das Urteil nicht aus ihrer Hand erhalten habe und mit seinem übereilten Handeln eine Begnadigung verhindert habe. Shrewsbury setzt sich jetzt für Burleigh ein, da er versteht, dass Elisabeth ihre Verantwortung auf andere abwälzen will. Da ihr Berater jetzt nicht mehr zu ihren Diensten steht, verlangt Elisabeth nach Leicester. Dieser ist allerdings schon unterwegs nach Frankreich.

Man kann das Drama als Schillers Antwort auf die der Französischen Revolution folgende Terreur betrachten, der mit kritischem Blick die Entwicklungen in Frankreich verfolgte, wo die Suche nach Freiheit und Gleichheit der Menschen zu Gewalt führte.

Elisabeth fürchtet sich vor dem Machtanspruch ihrer Schwester, der sie an sich und persönlich nichts böses will. Getrieben von ihrer Position und den politischen Umständen überlegt sie die Konkurrentin auszuschalten. Es handelt sich um einen Konflikt zwischen Staatsräson und persönlichem Glück.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Egmont: Inhaltsangabe und Interpretation

Goethes Egmont spielt Ende der 60er Jahre des 16. Jahrhunderts in Brüssel, kurz vor Beginn des Achtzigjährigen Krieges der Vereinigten Niederlande (die dort ihre Unabhängigkeit gewannen) gegen die spanische Herrschaft. Auf einem Platz in Brüssel geht ein Armbrustschießen dem Ende zu. Als vorletzter Schütze ist der Krämer Soest an der Reihe, der den bisher besten Schuss macht. Als letzter soll nun der Schneider Jetter schießen, dem Soest spöttisch zuruft, er solle sich beeilen. Doch Jetter sorgt dafür, dass nicht er, sondern der Soldat Buyck den letzten Schuss tut und dieser übertrifft den Krämer. Buyck, der unter Egmont gedient hat, spendiert eine Runde Wein. Man spricht über Politik und im Besonderen über König Philipp II., der den Niederländern gegenüber nicht gut eingestellt sei. Graf Egmont von Gaure wird dagegen auf’s Äußerste gelobt.

Die Niederlande regiert die vom König eingesetzte Statthalterin Margarete von Parma (seine Schwester), die beim Volk allerdings nicht so beliebt ist, da sie sich mehr nach dem Willen des Königs als an dem des Volkes orientiert. Außerdem gilt sie nicht gerade als Garant der Religionsfreiheit, nachdem sie französische Psalmen und protestantische Predigten verbieten ließ. Während das Volk Egmont liebt, sieht die streng katholische Margarete in ihm einen leichtsinnigen Charakter. Nachdemsie vom Bildersturm in Egmonts Provinz Flandern hört, von der sie ahnt, dass sie schlimme Folgen für die Niederlande haben werden, ruft sie ihren Geheimschreiber, um einen Brief an den König fertig zu machen. Sie hat Angst davor, dass der König ihr den Bildersturm anlastet. Ihr Sekretär Machiavell berichtet, dass sich der Bildersturm immer weiter ausbreitet und dass dieser geduldet werden müsse, wenn wieder Ruhe herrschen solle. Was Margarete allerdings von sich weist, da der König befohlen habe, die Ketzer rücksichtslos zu bekämpfen. Aber Machiavell glaubt, dass ein Herrscher über beide Glaubensrichtungen regieren müssen und nicht gewaltsam eine unterdrücken soll. In Gedanken muss Margerete ihm Recht geben, aber laut aussprechen kann sie das nicht. Sie bringt zum Ausdruck, dass sie Egmonts leichsinnige Art mit dem Bildersturm umzugehen, nicht ausstehen kann, Egmont im Gegensatz zu Wilhelm von Oranien, dessen Pläne sie nicht druchschaut, aber nicht fürchtet. Egmont und Wilhelm sind die beiden Führer des calvinistischen Widerstandes gegen die durch Philipp II geplante Rekatholisierung der Niederlande. Margarete möchte im Staatsrat über die beiden sprechen. Sie glaubt, dass Egmont Gefahr durch den König droht.

In Egmont unsterblich verliebt ist Klärchen, die seine Menschlichkeit bewundert. Allerdings ist der Bürgersohn Brackenburg in Klärchen verliebt. Dieser befindet sich zusammen bei Klärchen zu Hause und singt mit ihr ein Lied, als Egmont eintritt. Als die Margaretes Leibwache am Haus vorüber geht, schickt Klärchen ihn hinaus, um herauszufinden, warum. Brackenburg berichtet vom Bildersturm in Flandern und davon, dass die Regentin die Schlosswachen verstärkt habe und dass die ganze Stadt deshalb in Aufruhr sei. Er tritt wieder ab und denkt hinsichtlich Klärchens Liebe zu Egmont an Suizid.

In der Stadt herrscht tatsächlich Aufruhr. Der Schneider Jetter und ein Zimmermann unterhalten sich. Sie sprechen über den Bildersturm. Soest tritt hinzu und erzählt von der Verstärkung der Wachen und dass Margarete das Land verlassen wolle. Der Zimmermann plädiert dafür, sie nicht gehen zu lassen, da es sonst nur noch mehr Unruhe im Volk entstünde. Hinzu kommt noch ein katholischer Seifensieder, der zur Ruhe gemahnt und der Aufwiegler Vansen, der sich groß macht und davon redet, dass der König von Spanien nicht handeln könne wie er wolle. Im Volk entsteht dadurch Unruhe und Vansen ruft alle auf, wie in Flandern auf die Barrikaden zu gehen. Es kommt zu einer Prügelei und erste Steine beginnen zu fliegen. Der Aufruhr wird durch den eintreffenden Egmont beendet. Vansen macht sich mit einigem Pöbel von dannen.

Egmonts Geheimschreiber ist sauer, da Egmont so lange weg war, beruhigt sich aber wieder. Er erinnert ihn daran, dass er dringend einen Brief vom Grafen Oliva aus Madrid beantworten müsse, der ihn ob seiner Situation gewarnt habe. Egmont nimmt dessen Warnungen aber locker und gelassen. Auf den Brief hin, wird Egmont überschwänglich und spricht voller Gefühl und Leidenschaft davon, dass ihm keine Gefahr drohe, was dem Schreiber Sorgen bereitet. Auch Wilhelm von Oranien warnt Egmont. Es stellt sich heraus, dass der den Niederlanden feindlich gesonnene Alba samt Sohn und Heer auf dem Weg nach Brüssel ist. Zunächst mag Egmont diese Nachricht nicht glaube, dann entschließt er sich dazu, ihn zu empfangen, da dies besser sei, als zu fliehen, auch wenn ihm Wilhelm von Oranien dies nahelegt. Margarete erhält Kenntnis von der nahenden Ankunft des mit Sonderrechten ausgestatteten Alba durch einen Brief ihres Bruders, der sie in höchsten Tönen für ihre Standhaftigkeit lobt.

Egmont begibt sich zu Klärchen und zeigt sich ihr, wie es ihr Wunsch war, in spanischer Tracht – ein Ausdruck dafür, dass Egmont die Gefahr immer noch nicht kommen sieht. Egmont erklärt, dass es zwei Egmonts gibt: den Staatsmann, der kühl und steif ist und den liebenden, sanften Egmont. Als Alba eintrifft, beginnt ein strenges Regime. Ein Versammlungsverbot wird ausgesprochen, über die Geschäfte des Staates darf nicht mehr gesprochen werden, sonst landet man auf ewig im Gefängnis. Gut behandelt werden dafür diejenigen, die andere anschwärzen. Darüber unterhalten sich auf der Schneider Jetter und der Zimmermann, zu denen der Krämer Soest hinzutritt. Dieser berichtet, dass nicht nur Margarete, sondern auch Wilhelm von Oranien die Stadt verlassen haben. Der Schneider hat schon Vorahnungen einer Exekution. Auch Vansen tritt dazu und meint, dass man nicht auf Egmont zu hoffen brauche.

Was genau Alba vorhat, weiß nur nur sein Vertrauter Silva, sonst niemand – nichteinmal sein eigener Sohn Ferdinand. Sein Plan, die Gegener auszuschalten, muss jedoch, zumindest teilwese Schildern, denn Wilhelm von Oranien, folgt seiner Einladung nicht, da er seinen Plan durchschaut. Im Gegensatz zu Egmont, der fröhlich an seinen Hof kommt. Alba beginnt Egmont zu reizen, bis dieser laut ausspricht, dass ein Herrscher seinem Volk zu dienen habe und nicht umgekehrt. Außerdem betont er die Freiheitsliebe der Niederländer. Ferdinand gibt Alba ein vorher vereinbartes Zeichen, dass alle Verhaftungen abgeschlossen sind. Der ahnungslose Egmont unterhält sich noch mit Ferdinand über sein Pferd, als Alba seinen Degen zieht. Zwar will Egmont noch kämpfen, aber Alba sagt, dass seine Gefangennahme der Wunsch des Königs sei. Er wird sich darüber bewusst, dass er sich im König getäuscht hat und wird verhaftet.

Klärchen versucht aus Angst um Egmonts Leben, die Bürger dazu zu bringen, sich gegen Alba zur Wehr zu setzen, diese fürchten sich jedoch. Auch Brackenburg lässt sich nicht zu einer List überreden. Er holt aber Erkundigungen ein und teilt Klärchen mit, dass Egmont öffentlich hingerichtet werden solle. Aus Verzweiflung, beschließt sie, dass sie mit ihm im Jenseits vereint sein will und begeht Selbstmord.

Im Gefängnis erfährt Egmont, dass der König Alba zum Ritter des Goldenen Vließes ernannt hat und damit über ihn Recht sprechen kann. Außerdem wird ihm mitgeteilt, dass er am nächsten Morgen öffentlich hingerichtet werden wird. Alba, der will, dass sein Sohn sein Nachfolger wird, schickt diesen, um ihn abzuhärten zu dem Todgeweihten. Ferdinand drückt aber Egmont seine Bewunderung für ihn aus und kurz kann Egmont auch noch Hoffnung schöpfen, die sich jedoch sofort wieder zerschlägt. Im Traum erscheint Egmont die Freiheit in Gestalt des Klärchens und sagt ihm, dass sein Tod das Volk wachrütteln werde und überreicht ihm einen Siegerkranz. Überzeugt, dass seine Hinrichtung zur Befreiung der Niederlande führen wird, geht er erhobenen Hauptes zur Hinrichtungsstätte.

Egmont, der liebe Niederländer, der immer sagt was er denkt, wird am Ende zwar hingerichtet, ist aber gleichzeitig auch der Sieger, wie der von der Freiheit überreichte Kranz zeigt. Im Gegensatz zu ihm steht Wilhelm von Oranien, der „das Urbild des vollendeten Staatsmannes“ (Lindken 1996:50) abgibt. Er spricht nicht gleich aus, was er auf dem Herzen hat, er ist Denker und beweist große Menschenkenntnis, als er sich vor Alba zurückzieht. Lindken (1996:92) zitiert August Korff, der Egmont mit Schillers stofflichem Vorläufer Don Karlos vergleicht:

Äußerlich endet auch Egmont mit dem selben trostlosen Untergang der Freiheit und des Freiheitshelden, in welchen auch Don Carlos ausläuft. Aber innerlich erweist darin die Idee der Freiheit aufs neue ihr unverbrüchliches Menschenrecht. – Dennoch hat Goethes Freiheitsdrama einen ganz anderen Charakter als dajenige Schillers. Die Freiheitsidee erscheint in einem ganz andere Lichte, und schon darum, weil sie nicht als Ideal einem bestehenden Zustande der Knechtschaft entgegengesetzt, sondern als eine schon bestehende Wirklichkeit gegen die drohende Gefahr ihrer Unterdrückung verteidigt wird. Sie befindet sich in der Verteidigung, nicht im Angriff, hat einen konservativen, keinen Fortschrittlichen Charakter.

Posa setzt baut also auf einem philosophischen Ideal auf, Egmont argumentiert historisch. Weiter schreibt Korff, wieder zitiert nach Lindken (1996:95) :

Hinter der Freiheitsidee Egmonts steht eine ganz andere Ideologie als hinter derjenigen Posas. Vertritt der letztere das Recht und die Macht der Vernunft, so Egmont das Recht und die Macht der Natur. Im Gegensatz zu dem abstrakten Vernunftgesetz plädiert er für das organische Naturgesetz, das aus dem Herkommen entsteht und im Herkommen wurzelt.

Nur ein Niederländer kann demnach über einen Niederländer herrschen und kein Spanier, denn gute Herrschaft entsteht unter Gleichen, Menschen, die dieselben Vorstellungen von Recht und die selben Vorstellungen von Unrecht haben.

 

Primärliteratur:

Goethe, J. W. (1986): Faust. Der Tragödie erster Teil. Stuttgart: Philipp Reclam jun.

Goethe, J. W. (2001): Faust. Der Tragödie Zweiter Teil. Stuttgart: Philipp Reclam jun.

Literatur:

Adorno, T. W. (1981 [1967]): Zum Klassizismus von Goethes Iphigenie. In: Tiedemann, R. (Hrsg.) Noten zur Literatur. Frankfurt a. M., S. 495-514.

Döring, H. (1837): Goethe’s Briefe in den Jahren 1768 bis 1832. Leipzig: Julius Wunder’s Verlagsmagazin.

Geisenhanslüke, A. (1997): Johann Wolfgang Goethe. Iphigenie auf Tauris. München: Oldenbourg.

Greif, S. (2008): Arbeitsbuch Deutsche Klassik. Paderborn: Wilhelm Fink.

Goethe, J. W. G. (1771 [2006]): Zum Schäkespears Tag. In: Ders. Schriften zur Literatur und Kunst. O.O.: Elibron Classics, S. 7-10.

Kafitz, D. (1989): Grundzüge einer Geschichte des deutschen Dramas von Lessing bis zum Naturalismus. 2. Auflage. Frankfurt a. M.: Athenäum.

Kant, I. (1785 [1999]): Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung. In: Brandt, H. D. (Hrsg.): Philosophische Bibliothek (Bd.512). Hamburg: Meiner.

Lautenbach, E. (2003): Lexikon Schiller-Zitate. München: IUDICUM Verlag.

Lindken, H. U. (1996): Erläuterungen zu Johann Wolfgang von Goethe Egmont. Vierte Auflage. Hollfeld: Bange.

Pfister, W. (2011): Erläuterungen zu Friedrich Schiller Maria Stuart. Hollfeld: Bange.

Schiller, F. (1793 [1997]): Über Anmut und Würde. In: Sämtliche Werke, Band. 5 Philosophische Schriften, Vermischte Schriften. Düsseldorf: Artemis & Winkler.

Spitzley, N. (2010): Friedrich Schiller. Don Karlos. Hallbergmoos: Stark.

Sudau, R. (1993): Johann Wolfgang von Goethe. Faust I und Faust II. Zweite Auflage. München: Oldenbourg.


[1] Natürlich ist Thoas nicht von Anfang an human. Er macht eine Entwicklung durch. Zu Beginn trägt er noch barbarische Züge, so führt er beispielsweise das Menschenopfer wieder ein, als Iphigenie sich weigert ihn zu heiraten.

[2] Mephisto ist „Gegen- sondern Mitspieler des Herrn“ (Sudau 1998:50).