Hermann Hesse und der Bildungsroman

 

Bildungsroman

Die Wurzeln des Begriffs Bildung liegen in der in der Bibel ausgedrückten Vorstellung der Ebenbildlichkeit des Menschen mit Gott. Der Begriff, wie wir ihn heute verstehen, geht auf Johann Friedrich Herbart zurück. Dieser sah in der Bildsamkeit des Menschen eine wesentliche anthropologische Voraussetzung der Erziehungswissenschaft. Den vielen unterschiedlichen Definitionen des Begriffs gemein ist, dass fast alle davon ausgehen, dass mittels Bildung die in einem Menschen angelegten Fähigkeiten zur Entfaltung gebracht werden können. Seit dem frühen 19. Jahrhundert wird unter Bildung einerseits dieser Prozess als auch der durch ihn erreichte Zustand bezeichnet. Die Unterschiede zwischen Entwicklung, Erziehung und Bildung fasst Selbmann (1994:2) zusammen:

Während „Entwicklung“ [...] die Entfaltung einer schon fertig angelegten Gestalt beschreibt, „Erziehung“ andererseits die Umgestaltung nach vorgefaßten Prinzipien bedeutet, meint Bildung eine „allgemeine Formierung“ angelegter Kräfte an den zufälligen, d.h. nicht göttlich und menschlich vorausgeordneten Wirkungsmechanismen der Umwelt. Die Eigentümlichkeit der Anlagen bleibt bei dieser Art der Entfaltung bewahrt; alle Anlagen sollen gleichwertig, gleichberechtigt und gleichzeitig ausgebildet werden.

Eine genaue Bestimmung des Begriffes Bildungsroman ist relativ schwierig, da die Grenzen zu anderen Romanformen fließend sind und das Genre eine gewisse Fuzziness auweist. Eine erste Bestimmung erfolgte durch den Literaturwissenschaftler Friedrich von Blanckenburg (1744-1796), der den Begriff Bildungsroman zwar noch nicht benutzte und das Genre eigentlich noch gar nicht existierte, jedoch schon eine genaue Vorstellung vom Idealtypus des Bildungsromans hatte. Für ihn sollte es um einen Helden gehen, dessen Charakter ausgebildet und geformt wird, außerdem sollte der Roman einen moralisch-didaktischen Nutzen haben, also auch der Leser des Romans gebildet werden. Den Begriff Bildungsroman in die Diskussion brachte der Ästhetikprofessor Karl Morgenstern (1770-1852) ein. Georg Wilhelm Friedrich Hegel (1770-1831) schließlich versucht den mittelalterlich-ritterlichen vom modernen Roman abzugrenzen und sieht diesen historisch bedingt durch die bürgerliche Gesellschaft. Lassen wir ihn zu Wort kommen (zitiert nach Selbmann 1994:13):

[...] jeder findet vor sich eine bezauberte, für ihn ganz ungehörige Welt, die er bekämpfen muß, weil sie sich gegen ihn sperrt und in ihrer spröden Festigkeit seinen Leidenschaften nicht nachgibt, sondern den Willen eines Vaters, einer Tante, bürgerliche Verhältnisse usf. als ein Hindernis vorschiebt. Besonders sind Jünglinge diese neuen Ritter, die sich durch den Weltlauf, der sich statt ihrer Ideale realisiert, durchschlagen müssen und es nun für ein Unglück halten, daß es überhaupt Familie, bürgerliche Gesellschaft, Staat, Gesetze, Berufsgeschäfte ufs. gibt, weil diese substantiellen Lebensbeziehungen sich mit ihren Schranken grausam den Idealen und dem unendlichen Rechte des Herzens entgegensetzen. Nun gilt es, ein Loch in diese Ordnung der Dinge hineinzustoßen, die Welt zu verändern, zu verbessern oder ihr zum Trotz sich wenigstens einen Himmel auf Erden herauszuschneiden: das Mädchen, wie es sein soll, zu suchen, es zu finden und es nun den schlimmen Verwandten oder sonstigen Mißverhältnissen abzugewinnen, abzuerobern und abzutrotzen. Diese Kämpfe nun aber sind in der modernen Welt nichts weitere als die Lehrjahre, die Erziehung des Individuums an der vorhandenenen Wirklichkeit und erhalten dadurch ihren wahren Sinn. Denn das Ende solcher Lehrjahre besteht darin, daß sich das Subjekt die Hörner abläuft, mit seinen Wünschen und Meinen sich in die bestehenden Verhältnisse und die Vernünftigkeit derselben hineinbildet, in die Verkettung der Welt eintritt und in ihr sich einen angemessenen Standpunkt erwirbt. Mag einer auch noch so viel Welt herumgezankt haben, umhergeschoben worden sein, – zuletzt bekömmt er meistens doch sein Mädchen und irgendeine Stellung, heiratet, wird Philister so gut wie die anderen auch: die Frau steht der Haushaltung vor, Kinder bleiben nicht aus, das angebetete Weib, das erst die Einzige, ein Engel war, nimmt sich ongefähr ebenso aus wie alle anderen, das Amt gibt Arbeit und Verdrießlichkeit, die Ehe Hauskreuz, und so ist der ganze Katzenjammer der übrigen da. – Wir sehen hier den gleichen Charakter der Abenteuerlichkeit, nur daß dieselbe ihre rechte Bedeutung findet und das Phantastische daran die nötige Korrektur erfahren muß. (Hervorhebungen von mir)

Hegels Bildungsbegriff ergibt sich also aus der „Erziehung [...] an der vorhandenen Wirklichkeit“. Als wesentlich für die Bildungsromanforschung gilt weiterhin der Philosoph Wilhelm Dilthey (1833-1911). Dieser betonte unter anderem, dass die Erzählerfigur im Bildungsroman bereits gebildet sei. Auffällig ist, dass er (wie andere schon vor ihm) eine biologisch-evolutionäre Terminologie verwendet und Begriffe wie ‚Stufe‘ oder ‚Reife‘ nutzt (vgl. Selbmann 1994:16). Der Vom Neuphilologe Hans Heinrich Borcherdt (1887-1964) schließlich stammt die klassische Drei-Phasen-Lehre vom Aufbau des Bildungsroman, in dem er typischweise drei Schritte sieht: Jugendjahre, Wanderjahre, Läuterung. Diese Phasen leitet er aus dem als prototypisch geltenden Goethe’schen Wilhelm Meister ab. Gerhart Mayer sieht im Bildungsroman eine Grundstruktur von fünf Merkmalen (zitiert nach Selbsmann 1994:25): Thematik der Adoleszenz, Einsträngigkeit des Erzählens, Bildungsziel der Gewinnung einer Ich-Identität, Eigenheiten der Helden-Figur, didaktischer Erzähler. Allerdings handelt es sich dabei um Kernmerkmale, die nicht immer alle vorhanden sein müssen. Eine griffige und kurze Definition hält Gieseke (1986:9) bereit:

Der Bildungsroman konzentriert sich in seiner Darstellung auf einen einzigen Helden im Mittelpunkt des Geschehens, dessen emotionale und intellektuelle Entwicklung über einen Desillusionierungsprozeß entweder zur Integration in die Gesellschaft oder zur Abkehr von ihr führt.

Vergleicht man Goethes Wilhelm Meister als den klassischen Bildungsroman mit dem Werk Hesses, so ergeben sich auffällige strukturelle Unterschiede: Wilhelm weiß schon von klein auf, also schon bevor er beginnt aus der bürgerlichen Gesellschaft auszubrechen, das er im Theater seine Erfüllung finden wird (auch wenn das am Ende nicht der Fall ist = Desillusionierung). Hesses Figuren brechen erst aus der bürgerlichen Gesellschaft aus und finden dann ihre vermeintliche Bestimmung, in fast allen Fällen mittels eines Freundes.

Einführung zu Hesses Werk

Betrachtet werden an dieser Stelle folgende Werke des Literaturnobelpreisträgers Hermann Hesse: Peter Camenzind (1904), Unterm Rad (1906), Demian (1919), Siddharta (1922), Der Steppenwolf (1927) sowie Narziß und Goldmund (1930). Hesses Werk hatte schon zu seinen Lebzeiten eine tiefe Wirkung auf seine zumeist jugendlichen Leser, da er sich intensiv mit dem damals herrschenden autoritären Bildungssystem und der Bedeutung des Individuums in einer Massengesellschaft auseinander setzte. Im Geiste der Zeit fließen in seine Romane seine eigenen Lebenserfahrungen mit ein, womit Hesse einerseits seine Vergangenheit verarbeiten und sich andererseits selbst zum Ausdruck bringen kann. „Held und Autor sind im allgemeinen nicht zu trennen.“, konstatiert Mileck (1979:35) über Hesses Peter Camenzind. Seine poetische und zugleich einfache Sprache ermöglichen es dem Leser sich in Hesses Geschichten und Figuren einzufühlen, was den Lesern „bei ihrer Suche nach Identität, Sinn und Orientierung in einer chaotischen Zeit“ (Herforth 2011a:5) helfen soll. Hesse sah sich selbst als „hoffnungsloser Outsider“ (1923 in einem Brief an Emil Molt), hegte oft Suizidgedanken und tat sich zeitlebens schwer in die Gesellschaft einzupassen.

Peter Camenzind

Hesses Erstlingswerk behandelt das Leben Peter Camenzinds, der in dem kleinen Bergdorf Nimikon in den Alpen aufwächst und dort durch die Natur streift. Der junge Peter ist begeistert von der Natur und es drängt in stets hinaus in die Berge. Seine Eltern haben kaum Zeit für ihn, besonders sein Vater ist aufgrund der harten Arbeit viel zu beschäftigt. Peter ist ein Einzelgänger und findet auch während der Schulzeit keinen Freund. Geprägt von seiner ersten enttäuschten Liebe zu Rösi Girttaner und dem Tod seiner Mutter beschließt Peter nach Zürich zu gehen, um dort zu studieren. Dort lernt er den Künstler und Pianisten Richard kennen, der ihn in die Kunstszene einführt und durch den er auch die Malerin Erminia Aglietti kennenlernt, in die er sich verliebt. Doch auch diese Frau ist ihm nicht vergönnt, sie ist bereits in einen anderen verliebt. Wie bereits nach dem Tod seiner Mutter, flüchtet er sich in den Alkohol. Er bricht sein Studium ab und will Schrifsteller werden. Richards Studium dagegen ist beendet und sie reisen gemeinsam nach Italien, ein Land, das Peter schwer begeistert. Nach ihrer Rückkehr stirbt Richard. Wie die meisten Freund-Figuren Hesse, so ist auch er ertrunken. Ein Arzt, den er wegen seiner Selbstmordgedanken aufsucht, bringt ihn, um ihn wieder unter Menschen zu bringen, in das Haus eines ihm bekannten Künstlers, wo er sich in Elisabeth verliebt. Als unter den Künstlern sein Verhältnis zu ihr diskutiert wird, flüchtete er sich erneut in den Alkohol. Aber auch Elisabeth ist schon anderweitig verbändelt und Peter reist verzweifelt in seine Heimat und zu seinem Vater zurück. Erneut reist er nach Italien und besucht auf dem Rückweg Elisabeth und ihre Familie in Basel.

Peter schließt Freundschaft mit einem Schreiner und lernt den behinderten Boppi kennen, mit dem er zusammenzieht. Allerdings ist der Schreiner nicht gut auf Boppi zu sprechen. Nach Boppis Tod geht Peter aufgrund einer Erkrankung seines Vaters wieder nach Nimikon zurück, wo er das elterliche Haus wieder auf Vordermann bringt. Da die Schneeschmelze großen Schaden im Dorf angerichtet hat, schreibt Peter Briefe an den Staat und erwirkt eine Schadensersatzzahlung, was ihm viele Freude im Dorf macht. Am Ende beschließt Camenzind zurückgezogen und ohne Frauen zu leben. Endlich will er auch ein richtiger Schriftsteller werden.

Schon in Peter Camenzind entwirft Hesse die grundlegenden Strukturen, die sein späteres Werk prägen sollten. In ihm, wie in Hesses andere Romanen spiegeln sich Hesses persönliche Erfahrungen. Mileck (1979:39) interpretiert:

Der linkische, gehemmte Sonderling Peter ist das, was Hesse zu jener Zeit war, und der umgängliche, sorglose und glückliche Richard ist der Weltmann, der Hesse zu werden strebte. Richards Tod war Hesses symbolische Anerkennung der Aussichtslosigkeit seiner Hoffnung. [...] Von seinen künftigen Paaren ist der Held immer das was Hesse zu sein glaubte, und der enge Freund fast immer das, was Hesse gern gewesen wäre oder hätte werden müssen, um sich selbst zu verwirklichen.

 

 

Unterm Rad

Hesses Roman Unterm Rad trägt stark autobiographische Züge, so erinnern schon die Initialen einer der Hauptpersonen Hermann Heilner an die Hesses. Sowohl Hans Gieberaths, als auch Hermann Heilners Geschichte ähnelt dem Leben Hesses, dessen Bruder dem Druck des damaligen Schulsystems nicht stand hielt und sich das Leben nahm. Auch Hesse selbst litt unter dem autoritären Schulsystem. 1904 schrieb er in einem Brief an Karl Isenberg: „An mir hat die Schule viel kaputtgemacht, und ich kenne wenig bedeutendere Persönlichkeiten, denen es nicht ähnlich ging.“ Hesse wurde im kleinen Schwarzwaldort Calw als Sohn einer pietistischen Familie geboren, ging auf die Lateinschule in Göppingen und wurde nach seinem Württembergischen Landesexamen Stipendiat im Klosterseminar Maulbronn, von wo er 1892 einen Fluchtversuch unternahm und schließlich entlassen wurde. In der Nervenheilanstalt Bad Boll in der er daraufhin landete, unternahm er aus enttäuschter Liebe einen Selbstmordversuch. Nächste Station war eine Irrenanstalt in der Nähe von Stuttgart. Nach ihr folgte ein erneuter Versuch im Gymnasium und verschiedene Lehrstellen. Der Roman thematisiert und „ergreift Partei für die unter den gesellschaftlichen Normen des wilhelminischen Zeitalters leidende Jugend“ (Herforth 2011b:17).

Mileck (1979:40) vergleicht Unterm Rad mit Peter Camenzind:

In Peter Camenzind schängelt sich die Erzählung verschwommen und unberechenbar dahin und endet ziemlich aussichtslos. In dem Roman Unterm Rad entwickelt sie sich fließend und vorhersehbar, wird nicht durch Zeitlücken gestört oder durch Wiederholungen oder Abschweifungen unterbrochen und endet überzeugend. Wie Peter Camenzind ist Unterm Rad im wesentlichen eine psychologische Studie. Hesses Personen werden auch jetzt noch nicht recht sichtbar, und die Außenwelt ist, obwohl sie nun größere physische Realität enthält, kaum mehr als ein angemessener Hintergrund für das innere Drama. Das sollte ein entscheidender Zug in Hesses Art zu erzählen bleiben.  

Der Roman behandelt die Geschichte des ca. 15 Jahre alten Hans Geibenrath, einem begabten und fleißigen Jungen aus armem (bürgerlichen) Hause, dessen stetes Lernen aus ihm ein kränkliches Kind macht, das schließlich am Schulsystem und den an ihn gestellten Anforderungen zerbricht. Im Seminar lernt er den rebellischen Hermann Heilner kennen, der ihn ein wenig mitzieht, was Hans das Lernen zumindest zeitweise vergessen lässt, sich aber auch auf seine Noten auswirkt. Giebenrath ist Sohn eines Zwischenhändlers und wächst wie Hesse in einem kleinen Städtchen im Schwarzwald auf. Als einziger aus seiner Heimat ist er so begabt, dass er am Landesexamen teilnehmen kann, nach dessen Bestehen er – wie Hesse – Stipendiat am theologischen Seminar werden soll. Dafür muss er allerdings seine Naturbegeisterung aufgeben und seine Freizeit dem Lernen opfern.[1] Einzig Flaig, der Schuhmachermeister, versucht ihm zu helfen, sich nicht zu sehr im Lernen zu verlieren. Nachdem mehrere Tage dauernden Examen in Stuttgart glaubt Hans, das er versagt hat und flieht in die Natur. Entegen seinen Annahmen, hat er jedoch das Examen als zweitbester bestanden und darf als Belohnung in den Ferien angeln gehen. Allzuviel Freizeit ist ihm allerdings nicht vergönnt, da ihm der Rektor, der Pfarrer und der Mathematikprofessor noch einiges beibringen wollen, was dazu führt, dass Hans nicht mehr ohne gewissen seine freie Zeit genießen kann. Er leidet an ständigem Kopfweh. Im Kloster Maulbronn wird Hans als stiller und ehrgeiziger Junge zum Außenseiter. Ein Außenseiter ist auch der rebellische Hermann Heilner, mit dem er sich anfreundet (sie bilden ein ähnlich ungleiches Paar wie Goldmund und Narziß). Mit dem niemals etwas ernst nehmenden und sich selbst für einen Dichter haltenden Hermann verbringt Hans von nun an viel Zeit, was von den Erziehern kritisch beäugt wird. Als Hermann eines Tages zur Strafe in den Karzer muss, lässt Hans ihn im Stich und entschließt sich lieber strebsam zu sein. An Weihnachten kehrt Hans nach Hause. Nach den Weihnachtsferien erfahren die Schüler, dass ihr Stubenmitbewohner Hindinger ertrunken im Weiher gefunden wurde. Konfrontiert mit dem Tod erkennt Hans sein Fehlverhalten gegenüber Hermann, die beiden Veränderten (Hans ist männlicher, Hermann zärtlicher geworden)  beginnen sich wieder zu versöhnen. Hans widmet sich nur mehr seinem Freund, was der Ephorus nicht gerne sieht, Hans aber nicht von seiner Freundschaft mit Hermann abbringen kann. Nun verschlechtern sich nicht nur Hans’ Noten, sondern auch sein Gesundheitszustand: verstärktes Kopfweh, Abmagerund und Halluzinationen. Heilner wird wieder zu einer Karzerstrafe verdonnert woraufhin er einen Fluchtversuch unternimmt und entlassen wird. Der Abschied fällt äußerst kurz aus.

Hans erleidet einen Nervenzusammenbruch und wird zur Genesung nach Hause geschickt. Obwohl Hans erwartet, dass sein Vater ihm zürnt, übt dieser Rücksicht, da dieser Angst hat, sein Sohn könnte ernsthaft erkrankt oder gar verrückt sein. Hans ist am Ende und leidet unter Suizidgedanken. Er realisiert, dass der seine Kindheit, die er sich jetzt so sehnlich zurückwünscht niewieder zurückbekommt. Der Schuhmachermeister hat erbarmen mit dem ziellos umherirrenden Hans und lädt ihn zum Mosten ein, wo Hans dessen Nichte Emma verliebt. Als er sich schon auf das nächste Treffen mit ihr freut, muss er erfahren, dass sie schon die Stadt verlassen hat, woraufhin sich sein Zustand weiter verschlimmert. Sein Vater vermittelt ihm schließlich eine Lehrstelle bei einem Mechaniker. Auch wenn er dort seinen alten Klassenkameraden August wieder trifft, schafft er es nicht, mit dem Handwerksleben etwas anzufangen. Man findet seine Leiche im Fluss, nachdem er mit den Handwerksgesellen trinken war. Näheres zu den Umständen seines Todes erfährt der Leser nicht.  

Die Geschichte, erzählt von einem auktorialen Erzähler weist lineare Erzählstruktur auf (ohne Nebenhandlung) und lädt zur Einfühlung in Giebenraths Leben ein. Der Roman steht irgendwo zwischen Erziehungs- und Bildungsroman, auch wenn nur ein kurzer Lebensabschnitt erzählt wird (er enthält aber zahlreiche Rückblenden in Hans’ Leben). Das Werk ist in die zur damaligen Zeit weit verbreitete Tendenzliteratur einzuordnen und einer von zahlreichen Schulromanen, die das damalige Schulsystem anprangern, in dem nur die Starken überleben. Mileck (1979:37f.) findet: „Hesses etwas übertriebene Sozialkritik war eher modisch als originell.“

Giebenraths Probleme entstehen aber nicht allein aus einem autoritären Schulsystem heraus, sondern liegen auch in seiner psychischen Labilität begründet. Sie sind das Ergebnis seiner Disposition und der Gesellschaft. Ein großer Teil seiner Probleme rührt daher, dass er sich nicht langsam von seiner Kindheit lösen kann, sondern plötzlich aus ihr vertrieben wird (Esselborn-Krumbiegel 1998:57f.).

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Demian

Hesse gab das Manuskript des im Ersten Weltkrieg entstandenen Demian 1919 seinem Verleger Samuel Fischer. Allerdings machte er diesen Glauben, es handele sich nicht um sein eigenes Werk, sondern um das eines unbekannten Schweizer Autors namens Emil Sinclair. Hesses Grund dafür war wohl, dass er bei der älteren Generation aufgrund seines bisherigen schriftstellerischen Schaffens nicht beliebt war und seine jugendlichen Leser sich nach dem Krieg nicht mehr so sehr mit den Themen seiner Romane auseinandersetzen wollten. Demian wurde begeistert aufgenommen und Sinclair mit dem Theodor-Fontane-Preis für Literatur ausgezeichent, eine Ehrung für Debütautoren – was Hesse natürlich nicht war. Den Preis behielt Hesse aber auch nicht, da der Literaturkritiker Eduard Korrodi ihm auf die Schliche kam.

Der Roman erzählt die Geschichte von Emil Sinclair und dessen Selbstfindung im Spannungsverhältnis der als schützen empfundenen Welt des Elternhauses „mit ihrer Rechtschaffenheit, ihrer inneren und äußeren Ordnung und ihrer warmen Behaglichkeit“ und der dunklen „Welt lockender Abenteuer, unbekannter Gefahren und ungebändigter Gefühle“ (Esselborn-Krumbiegel 1998:16). Das Erfahren dieser zweiten Welt führt zu einem Ablösungsprozess aus dem Elternhaus und zu einer Hinterfragung des bisherigen, der ersten Welt zugehörigen Ich: zu einer Entgrenzung; zur Ausbildung einer neuen Persönlichkeit.

Beim Lesen des Romans stößt man allsbald auf die Frage, warum das Werk nach Demian und nicht nach der Hauptperson Sinclair benannt ist. Die Gründe dafür liegen vermutlich darin, dass Demian „Sinclairs nach außen projiziertes Alter Ego“ (Mileck 1979:86) ist, eine Struktur, die sich in fast allen Romanen Hesses nachweisen lässt. Hesses Helden brauchen immer einen Freund, der all das verkörpert was der Held gern wäre, aber nicht ist: „So fasst der Titel bereits vorausdeutend den Entwicklungsprozess in nuce in sich: Der junge Emil Sinclair gelangt auf dem Weg zu sich selber zur Einheit mit seinem Alter Ego, Demian, der ihm Ich-Imago und Seelenführer ist“ (Esselborn-Krumbiegel 1998:16).

Die zweite Welt findet ihre erst Manifestation in Kromer, der als Instanz nur über dem Elternhaus steht, das vormals als oberste moralische Instanz fungierte. Nur durch Demians Hilfe, kann Sinclair Kromer überwinden und muss von ihm lernen, alleine klar zu kommen. Eigenen Widerstand kann er erst leisten, wenn er Demians Eigenschaften zu seinen Eigenschaften macht. Während Sinclair noch lernen muss, beide Welten miteinander in Einklang zu bringen, haben dies Demian und Frau Eva schon geschafft, was symbolisch durch deren Vereinigung männlicher und weiblicher Eigenschaften zum Ausdruck kommt, sie sind wie Abraxas, der das Gute und das Böse in sich vereinigt. Sie sind vollständig. Mileck (1979:90) führt zu Frau Eva aus:

Frau Eva ist für Sinclair alles und das All. Sie ist seine Jungsche Anima, die Seela, das Unbewußt, mit dem sein Bewußtes Rapport im Individuationsprozeß aufnehmen muß, und sie ist außerdem sein Ideal, die Selbstverwirklichung, die mit dem Sichselbst-Leben kommen wird: Anima und Ideal werden Inspiration und Führerin, potentielle Geliebte und spirituelle Mutter. Und über das Selbst hinaus ist Frau Eva das Leben in seiner ganzen Fülle, Himmel und Erde, Gut und Böse, eine in die Wirklichkeit versetzte Magna Mater, die an die Tochter Zion der Offenbarung erinnert, und Ursprung und Bestimmung des Menschen ist.

Das Interessanteste an Hesses Werken ist sicherlich, dass seine Figuren zwar zumeist auf realen Personen seines realen Lebens basieren, es sich aber doch mehr um psychologische Studien handelt. So sind die armen, gebrechlichen, aber begabten Jünglinge seiner frühen Werke, die an einem autoritären Schulsystem zerbrechen nicht nur arme, gebrechliche, aber begabte Jünglinge, die an einem autoritären Schulsystem zubrechen, sondern Ausdruck eines größeren Problems, Außdruck eines Problems seiner Zeit. In Bezug die Figuren im Demian schreibt Mileck (1979:90f.):

Alle sind mehr universal typisch als real, mehr Repräsentation als Sein, Sinclair selbst ist nicht einfach ein Sohn, bedacht darauf, zu sein, was seine Eltern sind, sondern der Sohn, der innerhalb der Familie zu bleiben wünscht, nicht einfach ein Sohn, der Heim und Tradition hinter sich läßt, sondern der verlorene Sohn, der nicht in die Herde zurückkehrt, ebensowenig einfach ein Rebell und ein Ich-Sucher, sondern der rebellische Ich-Sucher. Herr und Frau Sinclair sind nicht einfach seine Elternm sondern zeitlose Eltern, der strenge Vater und die liebende Mutter. Kromer ist nicht einfach ein junger Schurke, der Sinclair einschüchtert und erpreßt, sondern jedermanns Schänder; außerdem ist er eine Personifizierung des Bösen, der Senbote Satans oder der Teufel selbst, die Projektion eines verdrängten Teil von Sinclair, eines latenten und verbotenen inneren Drangs, ein quälender Jungscher Schatten oder ein Freudsches Es.

Langsam im Laufe des Romans beginnt sich Sinclair zu entwickeln. In der Auseinandersetzung u.a. mit Sinclair entwickelt er eine neue Weltanschauung, eine neue Ethik, „die sowohl Gut als auch Böse umfaßt, und daß er Abraxas, den Gott sowohl des Guten als auch des Bösen, anerekkt“ (Mileck 1979:94). Dies zeigt sich auch in seinem immer wiederkehrenden Traum der ihn umarmenden Mutter, sie „ist nicht einfach Mutter oder Geliebte, Prostituierte oder Engel, Mann oder Frau, Teufel oder Gott, sondern beides und alles zugleich“ (ebenda).

Im Demian wird Hesses Auseinandersetzung mit der Psychoanalyse deutlich, die sein Werk vor allem dadurch bereichert, dass es an Spannung gewinnt. Beeinflusst vom Psychoanalytiker Carl Gustav Jung besteht der Prozess der Individuation der Figuren jetzt aus Geburt und Tod, wie es am Bild des Sperbers, der an den Phoenix aus der Asche erinnert. Die Menschen, denen Sinclair begegnet sind seine Projektionen, die er zum Zwecke seiner Selbstwerdung in sich aufnimmt, die er assimiliert. Sie sind eine Konfrontation mit seinem Unbewussten, so wie Kromer eine Konfrontation mit dem in ihm schlummerndem Bösen. Auch die Rolle, die Träume und Bilder im Buch spielen, erinnern an die von Freud und Jung entwickelte Psychoanalyse. Allerdings macht Hesse es mit der Psychoanalyse wie mit allen anderen Erfahrungen seines Lebens, er integriert sie in sein Werk und entwickelt keine völlig neue Art des Schreibens (vgl. Mileck 1979:96ff.). Im Bild des Phoenix-Sperbers wird deutlich, dass sich Sinclairs Entwicklung in einem ständigen Sterben und Wiedergeborenwerden vollzieht. Dies zeigt sich auch darin, dass alle Personen, von welchen er etwas lernt, die er gleichsam verinnerlicht, wieder verschwinden, sobald dieser Prozess abgeschlossen ist.

Auf seinem Weg helfen ihm auch in psychoanalytischer Tradition das Malen von Bildern und seine Träume. Während im klassischen Bildungsroman der Held ein Konflikt aus der Spannung zwischen ihm und seiner Umwelt entsteht, bildet sich diese Spannung in Demian im Inneren des Helden durch dessen Wahrnehmung der Umwelt auf (Esselborn-Krumbiegel 1998:37).

 

 

Siddhartha

Hesses Begeisterung und Interesse für Indien war bereits in frühen Jugendjahren geweckts worden und entstand vermutlich aufgrund seiner Ablehnenden Haltung gegenüber dem elterlichen Pietismus, der „lediglich das Böse im Menschen“ kannte und „einzig auf die kompromißlose Zurückweisung all dessen bedacht, was von dieser Welt war“ (Mileck 1979:156). Hesse suchte wohl nach einem Ausweg, in einer Lebensweise oder -philosophie, in der er sich ausleben und frei sein konnte. Nach seinen intensiven Studien wurde ihm allerdings bewusst, dass die Lehren Indiens ihm immer noch zu lebensverneinend waren und was er suchte, fand er nicht in Indien, sondern erst später in China. Siddhartha ist für ihn nur eine exemplarische Figur, wie die anderen Protagonisten seiner Romane. Es geht ihm also nicht um den Buddhismus oder das Christentum, sondern nur um den Weg eines Menschen auf der Suche nach sich selbst.

Nach der Affäre mit der Kurtisane Kamala, der Zusammenarbeit mit Kawaswami, dem vielen Geld und den daraus folgenden Bequemlichkeiten findet er in einen neuen Zustand, als er er zum Fluß zurückkehrt. Dieser neue Zustand entsteht aus einem Dreischritt heraus. Zunächst lernt Siddhartha die zwei Seiten des kartesischen Dualismus kennen: die Welten des Geistes und des Körpers, danach kann er in einen dritten Zustand über gehen und über sich selbst hinaus wachsen: den Zustand der Seele (vgl. Mileck 1979:155ff.). Vergleicht man Siddharthas Weg mit dem der anderen Figuren in Hesses Romanen, so fällt auf, wie außerordentlich gut es ihm ergeht; das Buch endet mit einem regelrechten Happy-End. Für Mileck (1979:160) ist Siddhartha eine Geschichte zweier Buddhas, einem der dem östlichen Ideal und einem der Hesses Ideal nachstrebt:

Für Buddha ist die physische Welt und das Leben in all seinen Verwicklungen Maya, eine vergängliche, schmerzhafte Illusion; für Siddhartha ist all dies der eigentliche Stoff des hochgeschätzten Seins. Buddhas Ziel ist die Befreiung vom Rade des Sansara, vom Leben, seinen Reinkarnationen und seinem unaufhörlichen Leiden, und das Suchen nach dem Nirvana, dem völligen Erlöschen und Vergessen. Siddharthas Ziel ist das Leben in all seiner zeitlichen Qual und Wonne. Buddha verneint und Siddharta [...] [bejaht] das Ich. Siddhartas Botschaft lautet: ehrfürchtig vor dem Ich und dem Leben zustehen, sich beide als das, was sie sind, zu eigen zu machen und aus der Fülle zu leben. Buddhas Botschaft lautet, diese Dinge so rasch wie möglich hinter sich zu bringen.

Der Entwicklung zu einem ausgeglichenen Individuum entsprechend, so ist auch Siddhartha harmonisch Strukturiert: vier Kapitel zur Entwicklung des Körperlichen auf der einen Flussseite, vier Kapitel zur Entwicklung des Geistigen auf der anderen und vier Kapitel für die Seele am Flussufer. Interessanterweise gibt es in Siddhartha nicht wie in Hesses anderen Erzählungen eine doppelte Projektion: sonst wird dem Helden jeweils eine Freundesfigur an die Seite gegeben, der oder die einen für den Helden zu erstrebenden Zustand darstellt,

mit der er das Tatsächliche und das Mögliche darstellte. Der Held stellte die Aktualität dar und sein bester Freund das Mögliche. [...] Er stellte das Tatsächliche dar wie bisher, erweiterte die vorherige Alternative jedoch auf drei Möglichkeiten. Siddhartha ist Hesses zur Dichtung gemachtes ideales Selbst, und Govinda, Buddha und Vasudeva sind Möglichkeiten im Leben. Govinda ist der zurückhaltende, auf die Institution orientierte Mensch, der Siddhartha nicht werden sollte, Buddha repräsentiert ein lobenswertes, aber unerwünschtes lebensverneinendes Modell und Vasudeva ein exemplarisches, lebensbejahendes Ideal. Und als Siddhartha dieses Ideal wird, verläßt Vasudeva den Schauplatz, genau wie Demian verschwindet, als Sinclair sein ideales Selbst wird. (Mileck 1979:166)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Das Leben auslachen. Hesses Roman Der Steppenwolf: Inhaltsangabe und Interpretation

Der Roman beginnt mit dem Vorwort eines fiktiven Herausgebers, dem ersten von drei Erzählern, die in Der Steppenwolf zu Wort kommen. Er, der deutlich eine bürgerliche Perspektive einnimmt,  berichtet vom etwa 50-jährigen Harry Haller, der sich selbst einen Steppenwolf heißt. Dieser habe bei der Tante des Herausgebers eine Mansardenwohnung angemietet. Haller gehe keiner richtigen Beschäftigung nach, verbringe seine Zeit in Kneipen und in Kultureinrichtungen. Haller wird als Außenseiter geschildert, der sich nicht in die bürgerliche Welt zu integrieren weiß, sehr belesen und viel herumgekommen ist. Haller habe dem Herausgeber ein Manuskript hinterlassen, das nun widergegeben werde. Er attestiert ihm eine Krankheit, die jedoch nicht die eines einzelnen sei, sondern die einer ganzen Generation.

Dem Vorwort folgen Harry Hallers Aufzeichnungen unter dem Motto „Nur für Verrückte“. Hallers Ich-Perspektive stellt den zweiten Erzähler des Romans dar. Er beginnt mit kulturpessimistischen Bemerkungen und Ausführungen über seine körperlichen Qualen, aufgrund von Krieg, Politik, des Einzug nehmenden US-amerikanischen Mainstreams und seinen Vergüngungen für die Massen. Über dies alles muss er sich so sehr aufregen, dass er manchmal Gewaltfantasien hat. Trost findet er nur, wenn er im Treppenhaus (Aurakarie) den Affenbaum ansieht. Er sehnt sich nach der „Gottesspur“, dem Empfinden von Glück, das er nur noch bei anspruchsvollen Tätigkeiten, wie dem Lauschen klassischer Musik oder dem Lesen seiner Lieblingslyrik, aber auch bei seiner Geliebten, verspürt. Sich selbst sieht er als Steppenwolf, der in dieser Gesellschaft keine Nahrung mehr findet, in der er fremd ist.

Eines Tages sieht er bei einem Spaziergang ein Portal, an einer Stelle, an der sonst nur Mauer ist. Überrascht betrachtet er es genauer und liest darüber: „Magisches Theater. Eintritt nicht für jedermann“. Die Tür bleibt ihm jedoch versperrt, auf dem Boden erkennt er noch die Schrift: „Nur – für – Ver – rückte!“ Auf dem Weg nach Hause hört er Jazzmusik aus einem Tanzlokal. Normalerweise verabscheut er solche moderne Musik und weiß nichts mit dem für ihn geistlosen Gedudel anzufangen. Heute übt sie aber einen (un)heimlichen Reiz auf ihn aus und zieht ihn an. Als er nochmals zum Portal zurückkehren will, ist dieses verschwunden. Dafür trifft er auf einen Mann mit Bauchladen, der zwar nicht bereit ist, mit ihm zu sprechen, der jedoch ein Plakat bei sich hat auf dem steht „Anarchistische Abendunterhaltung! Eintritt nicht für jed...“ und ihm einen kleines Buch mit dem Titel „Tractat vom Steppenwolf. Nur für Verrückte“ überreicht.

In diesem Tractat erzählt ein dritter, allwissender Erzähler, am Beispiel Harry Hallers, über die Natur der Steppenwölfe, die nicht zur bürgerlichen Gesellschaft angehörig seien und in welchen – in Anspielung auf Goethes Faust I – zwei Seelen, eine wölfische und eine menschliche, wohne, die kaum miteinander zu vereinen sind. Weitere Merkmale des Steppenwolfes seien sein Hang zu Unabhängigkeit und Suizid. Allerdings wird dieser duale Ansatz am Ende des Tractats relativiert und als vereinfachtes Modell dargestellt, denn es würden nicht nur zwei Pole im Menschen wohnen, sondern viele. Haller ist nach der Lektüre verwirrt und hat Selbstmordgedanken. Oft geht er zu der Mauer und sucht das Tor und den Mann mit dem Bauchladen – vergebens. Eines Tages sieht er aber einen Leichenzug, wo er einen Mann sieht, der dem Bauchladenmann ähnelt und den er anspricht. Dieser sagt aber nur, er solle sich in eine Kneipe namens „Schwarzer Adler“ begeben. Danach begegnet Haller noch einem alten Bekannten, einen jungen Wissenschaftler, der ihn zu sich nach Hause einlädt. Bei diesem zu Hause reden sie über einen Artikeln in einer militaristischen Zeitung, in dem ein Pazifist namens Harry Haller als Vaterlandsverräter beschimpft wird. Der Gastgeber weiß nicht, dass es sich bei diesem tatsächlich um Haller selbst handelt, er denkt, sie hätten einfach nur denselben Namen. Als er ein Porträt von Goethe sieht, kann Haller nicht mehr an sich halten. Er gibt zu, dieser Pazifist zu sein, bekennt sich zum Frieden und kann nicht verstehen, wie so viele Menschen blind auf einen neuen Krieg zusteuern könnten. In der ihm empfohlenen Kneipe lernt er noch in derselben Nacht die Prostituierte Hermine kennen, der er gestehen muss, dass er keinen der neuen Tänze beherrscht. Seine Ausführungen über den Steppenwolf und seine Suizidgedanken, kann sie nicht nachvollziehen. So tanzt Hermine mit einem anderen und Haller schläft ein. Dabei träumt er von einem Gespräch mit Goethe, der sich für Tanz und Spaß ausspricht. Außerdem solle Haller ihn nicht so ernst nehmen. Haller übernachtet in einem Nebenraum der Kneipe und trifft Hermine bald wieder. Sie erzählt ihm, dass der Tag kommen werde, an dem er sich in sie verlieben werde. Dann werden sie ihm befehlen sie zu töten. Nachdem er ihr vom Tractat erzählt hat, teilt ihm Hermine mit, dass er ab sofort Tanzunterricht bei ihr hätte. Sie glaubt nicht, dass ein Krieg abwendbar sei. Bei nächster Gelegenheit stellt Hermine ihm Maria vor, mit der er tanzt und seine Lust daran entdeckt, sowie den Saxophonisten Pablo. Haller beginnt sich zu verändern, nicht nur, dass er sich jetzt der früher als geistlos empfundenden Sinnlichkeit hingibt, er nimmt auch Drogen, die Pablo ihm gibt und er beginnt eine Affäre mit Maria. Er beschäftigt sich jetzt mit dem Rausch, mit Sexualität, mit Tanz, Kneipen und Mode.

Am Tag eines großen Maskenballes in den Globussälen hat Haller Angst vor dieser Veranstaltung und streunt durch die Stadt. Als er auf dem Ball angelangt, sucht er vergeblich Hermine, bekommt aber einen Zettel, der ihm sagt, sie sei in der Hölle. Im Keller findet er sie in der Verkleidung eine Jünglings, dessen hermaphroditische Anziehung ihn dazu bringt, sich in ihn/sie zu verlieben; „in einem endlos scheinenden Tanzrausch erlebt er die Lust an der Auflösung der Persönlichkeit“ (Herforth 2011a:37). Nach dem Ball gibt Pablo Haller und Hermine Drogen und lädt sie, sehr zu Hallers Freude, ins magische Theater ein. Dort muss er die Schule des Humors lernen und sein Spiegelbild betrachten und auslachen, bis es zunächst erlischt, sich dann aber in viele Harrys in verschiedenen Lebensstufen aufspaltet. Er erlebt im Drogenrausch zahlreiche Halluzinationen in verschiedenen Räumen, die er betritt (oder sich einbildet zu betreten), u.a. die Dressur des Steppenwolfs oder eine Vision eines mit technischen Mitteln geführten Krieges. Zuletzt findet er Pablo und Hermine, die zusammenliegen. Eifersüchtig ersticht er sie (scheinbar) mit einem gespiegelten Messer. Pablo, der sich inzwischen in Mozart verwandelt hat, verurteilt ihn zum Tode durch Auslachen, da er die Schule des Humors nicht verstanden und das magische Theater missbraucht habe. Harry weiß nun, dass er seine Rolle einmal besser spielen wird. Deutlich wird hier besonders durch Harry Ich-Aufspaltung Hesses Auseinandersetzung mit der Psychoanalyse.

Der Steppenwolf handelt von der Suche nach Orientierung und Individualität in einer Massengesellschaft und -kultur. Wie im Roman, so nahm auch Hesse – trotz gesundheitlicher Beschwerden und Geldmangel – Tanzunterricht und besuchte Maskenbälle, wo er „die Lust an Rausch und naiver Sinnlichkeit“ (Herforth 2011a:23) am eigenen Leib erfuhr. Die Hauptfigur Harry Haller trägt die gleichen Initialen wie Hesse und leidet wie Goethes Faust an zwei gegensätzlichen Trieben, an zwei Seelen, die in seiner Brust wohnen. Deutlich spiegelt sich im Roman, dass Hesse sich intensiv mit Psychotherapie auseinandergesetzt hatte.

Im fiktiven Vorwort des fiktiven Herausgeber des Buches wird das Vorleben des Protagonisten Harry Haller beschrieben, das starke Ähnlichkeit mit dem Hesses aufweist: er könne sich nicht in die bürgerliche Gesellschaft integrieren, seine Frau habe den Verstand verloren, er sei Dichter, er ziehe in einer Mansardenwohnung. Der Herausgeber schildert, dass Haller die Stadt verlassen habe und dieses Manuskript hinterlassen habe.

Deutlich sind die Parallelen zum Faust: Auch in Haller wohnen zwei Seelen und wie Faust bei der Walpurgisnacht eine Extase der Sinne. Während Siddhartha ein ausgewogenes Ideal darstellt und sowohl das Geistige, wie auch das Sinnliche auslebt, ist Harry Haller näher an Hesses wirklichem Leben. Er lebt nur das Geistige aus, lebt zurückgezogen und unglücklich. Deshalb muss er ausbrechen und in einem Rausch das Sinnliche erleben, um sich zu heilen. Der Steppenwolf ist eine Kritik am Bürgertum, wie Mileck (1979:181) hervorhebt:

Jene Bürgerwelt, [...] mit der Camenzind uneins ist, von der Giebenraht zermalmt wird, [...] über die sich Sinclair erhebt, [...] durch die Siddhartha verächtlich schreitet [...] wird sarkastisch beschrieben, einer rücksichtslosen psychologischen Analyse unterzogen und verurteilt. Es ist eine Welt, gekennzeichnet von Materialismus, Nationalismus und Militarismus, von Geldverdienen, Konventionalität und Mediokrität, von Uniformität, fauler Kompromißbereitschaft und Langweiligkeit; ihre Bewohner sind auf Sicherheit bedacht und gesetzesbewußt, eher geneigt sich abzufinden, als Verantwortung zu tragen, mehr Sklaven als Herren, emsig, aber nicht kreativ, ohne Genialität, Geschmack oder lohende Ziele, an Behaglichkeit, nicht an Freiheit interessiert, an Mittelmaß, nicht an der Intensität des Lebens und in all ihren Gedanken und Taten vom feigen Impuls der Selbsterhaltung beherrscht.

Harry und Hermine sind zwei Antipoden, die sich gegenseitig ihre Welt zeigen. Harry zeigt Hermine sein Land des Geistigen, Hermine Harry ihr Land der Sinnlichkeit und Lust. Doch danach müssen sie wieder allein ihrer Wege gehen. Hermine prophezeit Harry nicht umsonst bereits sehr früh, dass sie ihn eines Tages auffordern werde sie zu töten und dass er dem nachkommen müsse. Diese Aufforderung wird im Roman jedoch nicht direkt ausgesprochen, sondern nur auf indirektem Wege: Als ihre Beziehung einen zu hohen Intimitätsgrad erreicht hat, flüchtet sie sich in Pablos Arme.

Harry lebt tatsächlich auf der anderen Seite der gleichen Welt wie Hermine. Der Eintritt zum magischen Theater ist nur Menschen gestattet, die auf die eine oder andere Seite hin verschoben, ver-rückt sind. Hesse bringt dies sehr deutlich zum Ausdruck. Auf dem Asphalt steht nicht „Nur für Verrückte!“, sondern „Nur – für – Ver – rückte!“ Ein Steppenwolf wie Harry kann seinen Weg weder im Sinnlichen, noch im Geistigen finden, er muss einen dritten Weg einschlagen, den Weg des Humors.

Hermine ist die typische Hesse’sche Führerfigur, das Alter Ego des Protagonisten: „Demians Stimme scheint bisweilen die Sinclairs zu sein, und Hallers eigene Seele scheint ihn durch Hermines Augen anzuschauen. So sind Hermine und Demian ähnliche Externalisierungen, und Hallers und Sinclairs Gespräche mit ihnen Selbstdialoge“ (Mileck 1979:188). Und so wie Hermine (scheinbar) stirbt, so verschwindet auch Demian, wenn die Zeit gekommen ist. Sie repräsentiert Harrys Anima, den weiblichen, ubewussten Teil seiner Psyche.

Auf den ersten Blick scheint es sich aufgrund der sich bereits im Erwachsenenalter befindlichen Figuren nicht um einen typischen Bildungsroman zu handeln. Allerdings „kommt es im Lauf des Romans [...] zu einem Verjüngungsprozess, dessen wichtigstes Thema die Rebellion gegen die etablierte Gesellschaft, gegen die Ansprüche von Staat, Wirtschaft, Militär, Kirche und der herrschenden Moral ist“ (Herforth 2011a:85).

Wie Siddharta, so muss auch Harry erkennen, dass seine Persönlichkeit aus verschiedenen Ichs besteht, aus verschiedenen Tendenzen, die keine Einheit bilden, sondern die akzeptiert werden müssen.

 

 

Narziß und Goldmund

Betrachtet man nur den Beginn der Geschichte, die in Narziß und Goldmund erzählt findet, so drängen sich einem die Ähnlichkeiten zu Unterm Rad förmlich auf. Wie Hans Giebenrath befindet sich der junge Goldmund in einer klösterlichen Bildungseinrichtung, genauso ist er strebsam und zerbrechlich, kämpft zu Beginn mit einem Mitschüler, reizt seine Gesundheit aus und überlegt davonzulaufen. Beide sind Außenseiter und finden einen Freund, verlieren das Interesse am Geistigen. Doch während Hans ‚unters Rad‘ gerät, findet sich Goldmund mit dem Leben ab, wie es ist. Aber nur mit dem Leben, denn er findet sich nicht mit den in der Welt vorherrschenden Polaritäten ab, wie es Siddhartha tut. Während Harry Haller im Steppenwolf um seiner Heilung Willen den Weg des Geistes verlässt um einen kurzen Abstecher in die Welt der Sinnlichkeit zu machen, schöpft Goldmund beide aus. Mileck (1979:198) vergleicht Narziß mit Demian:

Demian und Narziß sind beide dunkelhaarig mit düsterem Gesichtsausdruck, höflich und diszipliniert, außerordentlich ernst und überintelligent, von bewußter Zurückhaltung und in höchstem Maße selbstsicher. Beide sind mehr Erwachsene als Jünglinge, mehr Gelehrte als Studenten, eher Führer als Freunde – und mehr Funktion als Lebewesen.

Goldmunds pendeln zwischen Geistigem und Sinnlichkeit führt für ihn zu den Höhen und Tiefen des Lebens, Narziß dagegen lebt vergeistigt, der Preis, den er zahlen muss, ist fehlende menschliche Wärme (vgl. Mileck 1979:202).

 

 

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Hermann Hesse setzt sich mit der Spannung zwischen Freiheit und Normenzwang auseinander, die auch seine eigene Jugend geprägt haben. Dafür verwendet er Figurenpaare (Peter und Richard, Giebenrath und Heilner, Sinclair und Demian, Harry Haller und Hermine oder Narziß und Goldmund) in linearen Handlungsabläufen, wobei die Hauptfigur jeweils eine Entwicklung durchmachen muss und Schwierigkeiten bei der Anpassung an die Gesellschaft hat. Während die Individualität der Figuren im Frühwerk Hesses, wie in Peter Camenzind, Unterm Rad und in Demian durch autoritäre Erziehungssysteme zerstört werden, so schaffen sie in seinen späteren Roman, u.a. in Siddharta, Der Steppenwolf und Narziß und Goldmund sich selbst zu verwirklichen und ihre Individualität zu leben.

Literatur

Esselborn-Krumbiegel, H. (1998): Hermann Hesse Unterm Rad/Demian. 2. Auflage. München: Oldenbourg.

Gieseke, A. (1986): Die Vaterfiguren im deutschsprachigen Bildungsroman des frühen 20. Jahrhunderts. Dissertation. München: Frank.

Herforth, M.-F. (2011a): Erläuterungen zu Hermann Hesse Der Steppenwolf. Hollfeld: Bange.

Herforth, M.-F. (2011b): Textanalyse und Interpretation zu Hermann Hesse Unterm Rad. Hollfeld: Bange.

Mileck, J. (1979): Hermann Hesse. Dichter, Sucher, Bekenner. München: C. Bertelsmann.

Mileck, J. (1987): Hermann Hesse. Dichter, Sucher, Bekenner. Frankfurt a. M.: Suhrkamp.

Selbsmann, R. (1994): Der deutsche Bildungsroman. 2., überarbeitete und erweiterte Auflage. Stuttgart & Weimar: Verlag J. B. Metzler.


[1] Hesse selbst war von der Natur sehr angetan.